In der Flüchtlingskrise ist die Kanzlerin zur sanften Politik der kleinen Schritte zurückgekehrt. Das große "Wir schaffen das" war in ihrer Regierungserklärung im Bundestag am heutigen Mittwoch nicht zu hören, kein Loblied auf die Flüchtlingshelfer, keine Warnungen an die abtrünnigen osteuropäischen Länder, die sich demonstrativ weigern, mehr Menschen aufzunehmen.

Merkel bleibt bei ihren Überzeugungen, aber sie will den Streit nicht noch weiter schüren. Vielmehr dämpft sie Erwartungen, sie macht sich ganz klein. Niemand, so die Botschaft, muss fürchten, dass die Deutschen beim EU-Rat Ende dieser Woche zu viel verlangen. Die seit Monaten diskutierten und von Merkel beworbenen Kontingente zur fairen Verteilung von Flüchtlingen auf die EU-Länder würden in Brüssel wohl nicht beschlossen, kündigte die Kanzlerin an: Davon hänge der Erfolg des Gipfels auch nicht ab.

Merkel betreibt in diesen Tagen eine Strategie der maximalen Druckreduzierung, wenn man so will eine der Verzweiflung: Die Kanzlerin ist inzwischen in der misslichen Situation, dass sie kaum mehr Unterstützer hat: Osteuropa wendet sich ab, selbst befreundete Staaten wie Frankreich wollen nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen, als sie zugesagt haben. "Die Koalition der Willigen ist derzeit nicht groß, einige wichtige Länder sind nicht dabei", fasst SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann das ganze Elend zusammen.

Merkel braucht Zeit, aber die läuft ihr davon

Aber die Kanzlerin braucht bald einen Erfolg. Daher setzt Merkel nun alle Hoffnungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Je kleiner die Erwartungen an den EU-Gipfel, so die Theorie, desto mehr Ergebnisse lassen sich nachher als Erfolg verkaufen. Und wenn es eben nur heißt, dass man den Bruch der EU verhindert und sich in der Flüchtlingsfrage gegenseitig der (wenigen) Gemeinsamkeiten versichert habe.

Um ein Auseinanderfliegen der EU aufzuhalten, schraubt Merkel also die Erwartungen an eine schnelle Lösung der Krise runter (von der sie persönlich sowieso nie überzeugt war). Auch sonst will sie keinen Anlass liefern, um ihre Kritiker zu verärgern oder vor den Kopf zu stoßen. Ihre Rede im Bundestag enthielt nichts Neues, war ein Beschwören des Altbekannten: Merkel will die Flüchtlingszahlen begrenzen, indem sie die Situation der Menschen in den Herkunftsstaaten verbessert (vor allem durch Geld) und indem sie sich für einen besseren Schutz der europäischen Außengrenzen einsetzt. Die Botschaft an ihre Kritiker: Ich verlange doch nichts, was ihr nicht auch wollt.

So erhofft sich die Kanzlerin wenigstens eine einmütige europäische Botschaft am Freitag: Dass man weiterhin auf den besseren Schutz der Meeresgrenze zwischen der Türkei und Griechenland setze. Und nicht auf Grenzschließungen in Europa, die auch ein Scheitern des Schengenraums mit sich bringen könnten und viele "Folgen" für die EU haben könnte.

Das Treffen der Regierungschefs sei daher nur "eine Etappe auf dem Weg, der Europa bisher nach jeder Krise stärker werden ließ", sagt Merkel. Die Kanzlerinnenhoffnung: Kleine Schritte führen Gegner wieder zusammen und irgendwann dann doch zu Lösungen.

Die SPD macht sich dünne

Merkel hat auch keine andere Wahl. Ihr großes Dilemma bleibt, dass sie auf Zeit setzt, die sie nicht hat. Bis zum Frühjahr hat ihr die Schwesterpartei CSU gegeben, um die Flüchtlingszahl zu reduzieren. Selbst die SPD spricht inzwischen von dem EU-Gipfel im März als letzter Einigungsmöglichkeit: Denn mit den milderen Temperaturen werden sich wieder viele Flüchtlinge auf den Weg machen.

Wie alleine Merkel inzwischen ist, zeigt am Mittwoch auch das subtil-kritische Verhalten der SPD im Bundestag. Die Genossen benennen schon mal Verantwortlichkeiten: Die Entscheidung, die Grenze für Syrer zu öffnen und das Dublin-Verfahren auszusetzen, sei auf die "Richtlinienkompetenz" der Kanzlerin zurückzuführen, sagte Fraktionschef Thomas Oppermann. Also allein ihr Ding gewesen und nicht das der SPD. Und die Zusammenarbeit mit der Türkei? Nun ja, die hängt laut Oppermann davon ab "ob Sie, Frau Bundeskanzlerin, genügend Länder finden, um Flüchtlinge aufzunehmen".

Das ist Merkels nächstes Problem: Sie selbst hat gesagt, die Türkei erwarte zu Recht eine Gegenleistung dafür, dass sie die EU-Außengrenze zu Griechenland abriegele und die Flüchtlinge im eigenen Land behalte. Doch welche Gegenleistung kann es geben außer Flüchtlingskontingenten und Geld? Hilft Geld allein?  Die Kanzlerin ist jetzt abhängig von Erdoğan.

Wenn der nicht mitmacht und weiter so viele Flüchtlinge über die Balkanroute kommen, dann wird sie zum Sündenbock. Sie ganz allein. Dann ist es endgültig vorbei mit der Gemeinsamkeit.