ZEIT ONLINE: Herr Müller, Sie haben im vergangenen Herbst versprochen, die Wartesituation für die Flüchtlinge am Lageso zu verbessern. Trotzdem war die Lage dort auch im neuen Jahr chaotisch. Haben Sie Ihr Versprechen inzwischen eingelöst?

Michael Müller: Ja. Gerade die Registrierung verursacht keine Wartezeiten mehr, im Gegenteil wir registrieren fast durchgehend am selben Tag. Inzwischen wurde noch mehr Personal versetzt, auch um Engpässe durch einen teils hohen Krankheitsstand auszugleichen, und wir haben durch die schnellere Auszahlung von Leistungen die Situation spürbar verbessert. Es gibt beheizte Warteräume und Leitsysteme, Verpflegung und medizinische Betreuung. Sicherlich muss ständig nachjustiert werden, ich bin der Letzte, der das nicht auch einräumt. Aber Berlin schafft insgesamt sehr viel bei der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen.

ZEIT ONLINE: Nun soll die Unternehmensberatung McKinsey für Berlin die Integration von Flüchtlingen managen. Warum schafft Ihre Regierung das nicht selbst?

Müller: McKinsey soll doch nicht die Integration von Flüchtlingen managen, das ist Quatsch. Sie helfen organisatorisch und vor allem durch umfassende Kenntnisse über Wanderungsbewegungen und Prognosen bei der Ausarbeitung eines ressortübergreifenden Masterplans für die vor uns liegenden Integrationsaufgaben. Ich verstehe die Aufregung nicht. Es ist doch normal, sich bei solchen Aufgabenstellungen externe Unterstützung hinzuzuziehen, gerade wenn wir so die Chance haben, auf umfassende Erfahrungen durch die Zusammenarbeit von McKinsey mit der Bundesregierung und dem Bamf oder auch der schwedischen Regierung zur Flüchtlingsintegration zurückgreifen zu können.

ZEIT ONLINE: CDU-Sozialsenator Mario Czaja haben Sie schon häufiger für die Versäumnisse beim Lageso verantwortlich gemacht. Warum ist er noch im Amt?

Müller: Ich habe deutlich gemacht, was ich an Veränderungen erwarte. Der Chef des Lageso wurde ausgetauscht, Anfang des Jahres haben wir weitere Personalentscheidungen getroffen. Ich glaube aber auch fest daran, dass die Menschen gerade bei diesem wichtigen Thema in einer Krisenzeit keine parteitaktischen Spielchen wollen, sondern dass sich alle ihrer Verantwortung stellen – das gilt für alle, auch den Sozialsenator. 

ZEIT ONLINE: Wollen Sie sich vielleicht auch selbst aus der Verantwortung nehmen? Im vergangenen Jahr sind in Berlin 80.000 Flüchtlinge angekommen. Der Senat wirkt überfordert.

Müller: Der Eindruck der Überforderung ist falsch. Die Situation am Lageso war nicht einfach, ja. Aber Sie klammern aus, dass die Aufnahme von Flüchtlingen mehr ist, als der regelmäßig nötige Gang zum Amt. Unterbringung, Schule, Kita, die Integration in Arbeit und Sprachkurse, das alles funktioniert in Berlin sehr gut. Ich glaube auch, dass alle besonders streng auf Berlin schauen, weil wir die Hauptstadt sind. Wir werden beispielsweise dafür kritisiert, mit bis zu 5.000 Menschen auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof zu viele auf einmal unterbringen wollen, während in anderen Orten wie Mannheim, Heidelberg oder Fallingborstel mehr Menschen in einer Erstunterkunft leben. Anderswo gibt es Zeltstädte für Flüchtlinge, in denen das Heizen schwer fällt. In Berlin haben wir sehr viel Kraft und Ressourcen investiert, um Menschen im Winter in festen Unterkünften unterzubringen. Über 45.000 Unterbringungsplätze wurden geschaffen, 7.000 Schulplätze mit 700 Lehrern für die Kinder organisiert, Tausende Sprachkurse.

ZEIT ONLINE: Was hat denn aus Ihrer Sicht zu den Warteschlangen vor dem Lageso geführt?

Müller: Der rasante Anstieg der Flüchtlingszahlen hat uns alle überrascht. In Berlin waren es in zehn Wochen 50.000 Menschen. Dafür lässt sich nicht präventiv eine Verwaltung aufbauen. Außerdem ist Berlin so attraktiv, dass Menschen hier ankommen, die hier eigentlich gar nicht sein sollten. In Brandenburg stehen Unterkünfte leer, während wir Turnhallen belegen müssen. Wir haben auch eine besondere Situation in den Stadtstaaten: Während die Flächenländer nach der Erstaufnahme die Flüchtlinge an Kommunen und ihre Ämter weiterverteilen können, haben wir mit dem Lageso ein einziges Amt, das 80.000 Menschen betreut. Hinzu kommen hausgemachte Probleme. So hat die frühere Führung des Landesamts nicht mehr Flexibilität mit den Mitarbeitern verabredet, zu spät mehr Personal angefordert und es wurde dort zu langsam auf Entwicklungen reagiert.

ZEIT ONLINE: Auch für alltägliche Behördengänge wie die Beantragung eines Ausweises braucht man in Berlin sehr viel Zeit und Nerven. Haben Ihr Vorgänger Klaus Wowereit und sein Finanzsenator Thilo Sarrazin die Verwaltung kaputt gespart?

Müller: Auf den Berliner Ämtern erleben wir beides – schwierige Situationen durch wochenlanges Warten auf einfachste Dienstleistungen ebenso wie glückliche Neu-Unternehmer, die von der effizienten Verwaltung schwärmen. Berlin hat weiter hohe Schulden, daher war der harte Sparkurs der Vergangenheit mehr als nötig. Aber dass wir 100.000 Mitarbeiter eingespart haben, hinterlässt natürlich Spuren – und gerade im Dienstleistungsbereich wurde der Personalabbau überstrapaziert, wie man jetzt sieht. Wichtig ist, dass ein grundsätzliches Umsteuern bereits stattgefunden hat. Aktuell suchen und stellen wir neue Behördenmitarbeiter ein und zwar Tausende. Allein den Bürgerämtern stehen seit Ende 2014 rund 120 zusätzliche Stellen zur Verfügung.