Angela Merkel schließt in der ARD-Sendung "Anne Will" einen Kurswechsel aus. © Rainer Jensen/dpa

Eine Stunde lang hat die Kanzlerin im Fernsehen für ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik geworben. Ihre Botschaft: Sie bleibt bei ihrem europäischen Weg, lehnt nationale Obergrenzen ab, hat keinen Plan B – und bittet um Zeit. Die Beobachter sind sich vor allem in einem einig: Der Gedanke an einen Kurswechsel oder ein persönliches Scheitern kommt bei Angela Merkel (CDU) nicht vor. 

Eher noch fügte sie ihrem sprichwörtlich gewordenen Mantra "Wir schaffen das" noch ein weiteres hinzu: "Ich schaffe das, wenn Ihr nur fest genug an mich glaubt", schreibt die  Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Sie tituliert Merkel als überlegte Lordsiegelbewahrerin Europas: "Bei Anne Will präsentierte sich die Kanzlerin (...) als weitsichtige Leitfigur des Kontinents, die in ihrer größten Bewährungsprobe zugleich die eigentliche Mission ihrer Kanzlerschaft gefunden hat: die Lordsiegelbewahrerin der europäischen Einigungsidee zu sein. Gleich mehrfach argumentierte Merkel sinngemäß, der Gedanke der europäischen Solidarität sei eine so bedeutsame Errungenschaft, dass wir sie in der Krise nicht durch kurzsichtige Panik-Maßnahmen in die Luft sprengen dürften." – Eine Mahnung an die osteuropäischen Partner wie Polen, Ungarn und Mazedonien aber auch an Österreich, "das Merkel mit der Einführung von Kontingenten für Flüchtlinge in Europa zusätzlich in Zugzwang gebracht hat", schreibt die FAZ.

Das Handelsblatt hebt vor allem das Kämpferische an Merkel hervor, das diese in der Sendung zeigte. Allerdings habe sie seit ihrem ersten Auftritt bei Anne Will nichts Neues gesagt, weiterhin setze sie auf eine Bekämpfung der Fluchtursachen in Syrien, Verhandlungen mit der Türkei und die Sicherung der Außengrenzen: "Das ist schon mutig, vielleicht auch naiv, angesichts des steigenden politischen Drucks auf sie und der Flüchtlingszahlen, die jeden Tag in Griechenland ankommen. Doch wer auch immer erwartet hatte, die Kanzlerin werde kurz vor den wichtigen Landtagswahlen im März umsteuern, muss sich auch nach diesem Abend weiter gedulden."

Für die Süddeutsche Zeitung sind die Kurswechselfragen Anne Wills nur leere Hüllen: "Anne Will scheint selbst keine Sekunde daran zu glauben, dass sie der Kanzlerin an diesem Abend auch nur den Hauch eines Kurswechsels entlocken kann. Eine Obergrenze? Grenzschließungen? All das hat die CDU-Chefin schon so oft ausgeschlossen, dass es fast müßig ist, danach zu fragen. Nein, Angela Merkel steuert nicht um. Ich sitze hier, ich kann nicht anders – mit dieser Attitüde hat die Kanzlerin ihre erste Anne Will-Sendung bestritten, so geht sie auch in die zweite."

Auch Spiegel Online wertet Merkels Aussagen in erster Linie als Kampfansage: "Merkel setzt alles auf eine Karte, sie spielt auf Sieg. Alles oder nichts. (...) Merkel inszenierte sich also als zweckoptimistische Kanzlerin, die die Linien vorgibt. Flüchtlingskrise? Gehen wir gestärkt daraus hervor. Aufschwung der Rechtspopulisten? Wird auch wieder abflauen. Weimarer Verhältnisse? Ach was. Klappt schon, Kopf hoch, wir sind auf dem richtigen Weg. So verteilt Merkel auf dem beschwerlichen Weg ein paar Schokokekse für die unterzuckerten Mitreisenden." Merkel habe den Deutungsrahmen verschoben. (...) "Wenn es gutgeht, kommt sie mit erhobenem Haupt aus dieser Nummer raus. Nur sollte man sich nicht von ihrem Talkshow-Auftritt täuschen lassen: Ihre Lage bleibt brisant."

Die Welt stellt den Glauben Merkels an eine Lösung der Krise in den Mittelpunkt: "Glauben? Dann kann man auch Berge versetzen? Das ist Merkels größte Stärke – und ihre größte Schwäche." Eine unglückliche Wortwahl sei das angesichts der Silvesternacht von Köln, die "bei vielen nun wirklich Zweifel daran geweckt hat, dass man das alles rechtzeitig schaffen werde, mit der Zahlenreduzierung und der Integration und der Globalisierung." Fazit des Blattes: "Merkel, die Kämpferin für ein Europa, das sich nicht wieder in lauter nationale Eigenwege zersplittert. Die öffentlich schwört, nicht nachzugeben. Glaube versetzt Berge. Wenn nur genügend viele daran glauben."