ZEIT ONLINE: Herr Eisfeld, Sie sagen, es gebe eine verbitterte Generation von Russlanddeutschen. Könnten Sie das erklären?

Alfred Eisfeld: Für viele Russlanddeutsche bedeutete der Umzug nach Deutschland in den achtziger und neunziger Jahren zunächst einen sozialen Abstieg. Am schwersten hatten es Aussiedler über 50, die weder Sprachkurse noch Arbeitsmarktförderung erhielten. Manche Familien waren auf höchstens 60 Prozent der Rente vergleichbarer Einheimischer angewiesen. Hinzu kam, dass insbesondere akademische Berufsabschlüsse nicht anerkannt wurden. Solche Familien hatten kaum eine Chance, sich hier beruflich zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Sind es diese Russlanddeutschen, die wir heute auf den Straßen gegen Angela Merkel demonstrieren sehen?

Eisfeld: Solche Familien waren es zumindest, die sich isoliert haben. Die blieben am russischen Fernsehen kleben und fanden keinen Zugang zu deutschen Nachbarn. Sie fühlten sich abgeschoben in eine Nische, aus der sie nicht mehr herauskamen.

ZEIT ONLINE: Aber es heißt doch, die meisten Russlanddeutschen seien so gut integriert, dass man sie gar nicht mehr erkennt.

Eisfeld: Das stimmt. Ganz besonders gilt das für die junge Generation, die viel schneller die deutsche Sprache gelernt hat, und eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren konnte. Aber es gibt eine Schicht, die von dieser Integration seit ihrer Ankunft in Deutschland abgekoppelt wurde. Das sind vor allem nichtdeutsche Ehepartner oder Deutschstämmige, die in Russland kein Deutsch mehr sprachen. In dieser Schicht ist der Einfluss der russischen Medien besonders stark. Das hat sich auch bei den jüngsten Kundgebungen gezeigt.

ZEIT ONLINE: Hat der deutsche Staat damals die Integration falsch angepackt?

Eisfeld: Untersuchungen des Berlin-Instituts belegen, dass dort, wo sich der Staat gekümmert hat, die Integration auch vorzüglich geklappt hat. Dort aber, wo man Aussiedler von Integrationsmaßnahmen ausgenommen hat, musste es daneben gehen. Und leider hat man zu oft nach Kassenlage gehandelt. Alle Warnungen, die die Wohlfahrtsverbände damals an die Politik sandten, blieben ungehört.

ZEIT ONLINE: Nun demonstrieren Russlanddeutsche mit großer Wut. Für wen stehen diese Leute?

Eisfeld: Es gibt eine große Anzahl kleiner Grüppchen, die seit Jahren von der russischen Botschaft gefördert werden. Die hätten genauso gut auch mit deutschen Institutionen zusammenarbeiten können, aber leider hat man sich nicht darum gekümmert. Besonders die russische Botschaft in Deutschland versucht inzwischen, über schlecht integrierte ehemalige Sowjetbürger ihren Einfluss auf die deutsche Gesellschaft auszubauen.

ZEIT ONLINE: Wie genau?

Eisfeld: Auf der einen Seite bemüht sich Russland um gutnachbarschaftliche Beziehungen. Von den geförderten Gruppen wird erwartet, dass sie eine positive Sicht auf die russische Gesellschaft erzeugen. Dagegen spricht erst mal nichts. Es gibt aber seit einiger Zeit auch die Bestrebung, mittels des Programms (Landsleute) Russland, deren Schirmherr Putin ist, die Funktion des Schutzpatrons über alle russischsprachigen Gruppen in aller Welt zu geben. Diese Gruppen werden inzwischen direkt in russische Propagandamaßnahmen eingeschaltet, sei es beim 70. Jahrestag des Kriegsendes oder im Kampf gegen die ukrainische Regierung.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Gruppen?

Eisfeld: Es existiert eine Vielzahl von scheinbar harmlosen Institutionen und Aktionen, die gefördert werden. So wurde ein dichtes Netz von Menschen geflochten, die – jeder an seiner Stelle – aktiv werden können und dann gegen die sogenannte Junta in Kiew losziehen oder gegen die angebliche Unterdrückung von Russen in Donezk. In Berlin gibt es eine kleine Gruppierung, die sich "Internationaler Konvent der Russlanddeutschen" nennt. Diese Gruppierung hat die Kundgebungen vor dem Bundeskanzleramt organisiert. In Karlsruhe gibt es eine Gruppe, die sich Partei "Einheit" nennt. Die hat eine Delegation auf die Krim geschickt und behauptet, im Namen zahlreicher rückkehrwilliger Russlanddeutscher zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Seit wann gibt es diese Bestrebungen Russlands?

Eisfeld: Versuche hat es schon immer gegeben. Richtig spürbar ist es geworden mit der Gründung der Sootetschestwenniki. Seit 2010 werden zudem viel mehr Mittel in diese Stiftung gesteckt. Die Botschaften und Konsulate Russlands in aller Welt müssen die Sootetschestwenniki unterstützen.