Es ist alles noch viel schlimmer als gedacht: So lautet das Urteil vieler politischer Beobachter zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Sie hatten zwar mit einem starken Abschneiden der AfD gerechnet; zweistellig in allen Bundesländern war der rechtspopulistischen Partei vorhergesagt worden.

Doch ihr tatsächlicher Erfolg kommt einem Erdrutsch gleich. 12,6 Prozent in Rheinland-Pfalz, 15,1 Prozent in Baden-Württemberg, mehr als 24 Prozent in Sachsen-Anhalt: Diese Resultate verändern das politische System. Klassische Koalitionen werden kaum mehr möglich sein. Der Rechtspopulismus ist zumindest für den Moment in den Landtagen angekommen.

Was steckt hinter dem Erfolg der AfD? Wer wählte die Partei, und was hat ihr gutes Abschneiden in den drei Bundesländern mit der Situation in Europa zu tun?

Die Daten zu den Landtagswahlen bestätigen, was sich im Vorfeld schon andeutete: Die AfD wird zu großen Teilen von jenen gewählt, die jahrzehntelang als sozialdemokratische Kernklientel galten – aber die SPD schon spätestens seit der schröderschen Agenda-Politik nicht mehr wählen, weil sie sich von ihr nicht mehr vertreten fühlen. Stattdessen gingen sie gar nicht mehr zur Wahl oder sie wechselten das politische Lager – bis sie sich bei dieser Landtagswahl dann der AfD zuwandten, wie die aktuellen Daten zur Wählerwanderung zeigen.

Unter Arbeitern und Arbeitslosen erzielte die AfD in allen drei Bundesländern herausragende Ergebnisse. In Sachsen-Anhalt wählte mehr als ein Drittel von ihnen AfD, in Baden-Württemberg fast 30 Prozent. Die noch bei den zurückliegenden Landtagswahlen, etwa in Brandenburg und Thüringen, starken Stimmengewinne bei den Selbstständigen nivellierten sich hingegen.

Frustrierte "einfache Leute"

Brisant ist zudem: Nicht nur Bürger mit einfacher, sondern vor allem mit mittlerer Bildung haben die AfD gewählt. Damit gelingt es der Partei nicht nur, die Abgehängten zu mobilisieren, sondern auch Teile der Mittelschicht zu erreichen. Jene, die zwar nicht entkoppelt sind, aber dem Aufstiegsversprechen moderner Gesellschaften offenbar keinen Glauben mehr schenken und sich durch Veränderungen in erster Linie gefährdet sehen. Die Flüchtlingskrise scheint ihnen der Kulminationspunkt bedrohlicher Entwicklungen. Fast kein AfD-Wähler glaubt, dass die Bundesregierung die Lage in den Griff bekommt.

Die Ergebnisse der Landtagswahlen liegen damit im Trend anderer westeuropäischer Staaten. Die unteren und mittleren Bildungsschichten, die sogenannten einfachen Leute, werden von den linken Parteien kaum noch integriert, ihre traditionelle Bindung an die Sozialdemokratie ist vielerorts längst Geschichte. Stattdessen grassieren hier Frustration und Unmut über etablierte Politik und vorgeblich korrumpierte Eliten. Man fühlt sich unverstanden, ungehört und neigt zu Parteien, von denen man glaubt, sie würden die Dinge "endlich einmal beim Namen nennen", den anderen "die Meinung geigen".

In Österreich, dem Land der ehemals blühenden sozialistischen Arbeiterkultur, hat die rechtspopulistische FPÖ den Sozialdemokraten längst den Rang als Arbeiterpartei abgelaufen. In den Niederlanden ist die stolze PvdA erheblich zusammengeschrumpft, während zunächst Pim Fortuyn und dann Geert Wilders reüssierten. Ähnliche Entwicklungen lassen sich in der Schweiz, Frankreich und den skandinavischen Ländern beobachten. Die Wählerschaft der Sozialdemokraten rekrutiert sich derweil zu größeren Teilen aus Beamten und Angestellten, mithin: den Arrivierten und Abgesicherten.

Beispielhaft lässt sich das auch in Baden-Württemberg beobachten. Im industriell geprägten Mannheimer Norden, lange Zeit eine SPD-Hochburg, ging das Direktmandat bei dieser Wahl an den AfD-Kandidaten. Und auch in den Freiburger Arbeiterquartieren Landwasser und Weingarten, wo die SPD 2011 noch mehr als 30 Prozent erzielen konnte, wurde das Ergebnis der Sozialdemokraten am Sonntag etwa halbiert, während die AfD mehr als 20 Prozent der Stimmen einfuhr.

Partei der Verunsicherten

In diesen Milieus, auch das geht deutlich aus den Daten zur Landtagswahl hervor, herrscht eine starke Verunsicherung gegenüber gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen. Bereits bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen 2014 erklärte knapp die Hälfte der AfD-Wähler, dass sie sich selbst zu den Verlierern der gesellschaftlichen Entwicklung zählt. Unter den Sozialdemokraten waren dies gerade einmal 18 Prozent, unter den Linken weniger als ein Drittel. Im prosperierenden Baden-Württemberg blickten am Sonntag 35 Prozent der AfD-Wähler sorgenvoll auf die eigene wirtschaftliche Lage, während nur 21 Prozent von ihnen die allgemeine wirtschaftliche Lage als schlecht bewerten.

Die Demokratie sehen die AfD-Wähler als bloße Fassade, als Hülle ohne Inhalt an. Auch das zeigen die Daten. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war ein deutlich kleinerer Anteil von ihnen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden als unter den Bürgern im Landesdurchschnitt. Für ihre Verunsicherung und Abstiegsangst spricht zudem, dass neben der alles überwölbenden Flüchtlingskrise den Wählern der AfD das Thema der sozialen Gerechtigkeit besonders am Herzen lag.

Dabei scheint gerade hier der programmatische Anspruch der Partei dem Willen ihrer Wähler besonders deutlich zu widersprechen. In anderen europäischen Ländern verknüpfen Rechtspopulisten ihre ethnischen Homogenitätsvorstellungen mit plakativen Forderungen nach einem Ausbau des Wohlfahrtsstaates und protektionistischer Wirtschaftspolitik. Die AfD hingegen ist im Kern weiterhin eine neoliberale Partei. Sie steht, auch und vor allem nach den jüngst bekannt gewordenen Programmentwürfen, für Deregulierung, Kürzung der öffentlichen Ausgaben und eine rabiate Politik der Steuersenkung.

Die Kluft zwischen Arm und Reich möchte sie nicht schließen, sondern vielmehr weiter öffnen. Sie predigt das Bild des freien Bürgers, der durch staatliche Fürsorge eingeschränkt würde. Damit steht die AfD eher in der Tradition des frühen europäischen Rechtspopulismus, der sich in den 1980er Jahren mit neoliberaler Rhetorik und modernistischem Furor als Advokat von Marktfreiheit, Leistung und Konkurrenz gerierte, bevor er in den 1990er Jahren eine globalisierungskritische Wende vollzog.

Votum einer radikalisierten Mitte

Die Wahl der AfD erfolgte vor allem aus Protest und Enttäuschung über "die Politik". Das bedeutet aber nicht, dass die Partei ein reines Protestvehikel ist, wie zuweilen behauptet. Ihre Wähler attestieren ihr durchaus Fähigkeiten in der Flüchtlingspolitik und der Bekämpfung von Kriminalität. Ein relevanter Teil der deutschen Bevölkerung hat offenbar etwas übrig für die rigorose Flüchtlingspolitik, den antiislamischen Kurs sowie die drastische Law-and-Order-Rhetorik der AfD.

Auffällig ist überdies, dass sich die Wählerschaft der AfD in ihrer Altersstruktur von anderen rechtspopulistischen oder -extremen Parteien in Europa unterscheidet. Während der Front National und auch die Freiheitlichen in Österreich insbesondere bei unter 25-Jährigen starke Ergebnisse erzielen, findet sich dieser Überhang der Jungen bei der AfD nicht. Unter den 18- bis 24-Jährigen schneidet die AfD vergleichsweise schlecht ab. Hohe Prozentzahlen erreicht sie vor allem in den mittleren Altersgruppen der 25- bis 44-Jährigen. In der Tradition der deutschen Rechtsaußenparteien ähnelt die AfD – zumindest in diesem Punkt – mehr den Republikanern als NPD und DVU.

Insgesamt zeigt sich: Der Aufstieg der AfD ist in erster Linie kein Ergebnis des Protests von prekären Randgruppen oder einer volatilen Jugend. Vielmehr hat sich am Sonntag eine radikalisierte Mitte dafür entschieden, ihre Stimme den rechten Populisten zu geben. Dass sich die AfD von rechtsradikalen Umtrieben nicht genug abgrenzt, wird zwar durchaus als Problem wahrgenommen. Doch an der Stimmabgabe änderte das offenbar nichts.

Diese Erkenntnisse mögen schmerzlich, durchaus auch bedrohlich sein. Zur Auseinandersetzung mit dem nun parlamentarisch etablierten Rechtspopulismus in Deutschland sind sie aber unabdingbar.