Ein Wahlplakat der Alternative für Deutschland (AfD) am Ortseingang von Pforzheim (Baden-Württemberg) © Marijan Murat/dpa

Er kann es kaum noch erwarten. Bernd Grimmer ist 65 Jahre alt und trägt Anzug, seit er sich mit 17 in der Oberstufe für Politik zu interessieren begann. Zweiter Stock des Neuen Rathauses in Pforzheim, Zimmer der AfD-Gemeinderatsfraktion. Grimmer sitzt dort mit der gespannten Ruhe eines Mannes, der weiß, dass er es fast geschafft hat. "Es müsste schon mit dem Teufel zugehen …", sagt er. Diesmal wird es Grimmer in den Landtag schaffen. Am 13. März wählt Baden-Württemberg – und Pforzheim, ganz sicher, wählt AfD.

Warum er keine Zweifel hat? Man müsse sich ja nur umsehen in der Stadt.

Die Fensterfront hinter ihm macht den Blick frei für die nüchternen Funktionsbauten der 50er Jahre, die nach dem Krieg in der völlig zerbombten Innenstadt hochgezogen worden waren, dazwischen liegt die Fußgängerzone. Gesprächsthema Nummer eins, wie überall im Land, die Flüchtlingskrise, Grimmer sagt: Masseneinwanderung. Sie hat einige Spuren hinterlassen in Pforzheim. 1.450 Flüchtlinge gibt es, 250 kämen pro Monat hinzu, schätzt man in der Verwaltung, verteilt auf 30 Unterkünfte. Eine liegt am äußersten Stadtrand, ein steinerner Grenzsoldat steht hier vor einem originalen Stück Berliner Mauer. 40 Männer aus Nordafrika hat die Stadt in Räumen des DDR-Museums untergebracht. Davor ein Schild: "Lernort Demokratie".

Baden-Württemberg - AfD vor Landtagswahlen im Aufwind Gut eine Woche vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg kann die Alternative für Deutschland laut einer aktuellen Umfrage dort auf elf Prozent der Stimmen hoffen.

Mehr Arbeitslose, mehr Migranten, mehr Angst

Wer ein paar Kilometer weiter ins Tal fährt, vorbei an den Männern von der Bürgerwehr, die neuerdings durchs Viertel spazieren, dem muss das mächtige Industriegebäude auffallen, das trist in die Landschaft ragt. Einst Arbeitsplatz für Hunderte in der Elektrobranche, seit ein paar Jahren steht es leer. Im November wurden auch hier 300 Flüchtlinge untergebracht. Iraker, Afghanen, Syrer. Die Straße vor den Mauern heißt: Hoyerswerda-Ufer. Mehr Symbolik geht nicht.

Pforzheim hat von allem etwas mehr als die anderen Städte in Baden-Württemberg. Mehr Arbeitslose zum Beispiel, mehr Migranten, mehr Angst und vor allem: mehr rechte Wähler.

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Es ist eine traurige Tradition. 1933 erhielt Hitlers NSDAP landesweit 43,9 Prozent der Stimmen. In Pforzheim kam die Partei auf 57,5 Prozent. 1992, als in Hoyerswerda im Vorjahr bereits vietnamesische Arbeiter durch die Stadt gejagt und Molotow-Cocktails auf ihre Unterkunft geworfen worden waren, schafften es die Republikaner mit fast elf Prozent in den baden-württembergischen Landtag. Auch ihre Hochburg: Pforzheim, 18,5 Prozent.

Wenn es im Land einen Rechtsruck gibt, dann spürt man ihn zuerst hier. Und gerade steht wieder einer bevor. Die Frage, wer von der Entwicklung in Pforzheim profitiert, kann Bernd Grimmer im Neuen Rathaus mit einem Wort beantworten: "Ich." Hinter seinem Schreibtisch hängen Schnappschüsse von Frauke Petry, der Bundessprecherin der Alternative für Deutschland, und von Wahlkämpfern mit hellblauen Plakaten. Grimmer ist auch dabei, bei den Gemeinderatswahlen 2014 holte seine Partei 10,8 Prozent. Bei der Wahl zum EU-Parlament erzielte die AfD bundesweit ihr bestes Ergebnis in Pforzheim. Und jetzt könnte es endlich für den Landtag reichen.

Grimmer ist Kreisvorsitzender und einer von drei Landessprechern für Baden-Württemberg. Sein grauer Anzug lässt ihn noch etwas steifer wirken als er ohnehin schon ist. Er spricht ruhig und unaufgeregt. 30 Jahre lang hat er in der Verwaltung der Sozialversicherung gearbeitet. Nun stimmt er sich einmal pro Woche per Telefonkonferenz mit Petry ab. Rechtsaußen hat er sich schon immer verortet. Erst war er in der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher aktiv, und als die Ende der 70er in den Grünen aufging, schrieb Grimmer am Programm mit und saß in der Satzungskommission. "Die Grünen fand ich faszinierend."