Kanzlerin Angela Merkel © Fabrizio Bensch/Reuters

Im vergangenen Sommer ist die Kanzlerin weltweit gefeiert worden, als sie die Grenzen aufmachte für Tausende Flüchtlinge, die in Ungarn gestrandet waren. Ihr optimistisches "Wir schaffen das" ergriff das ganze Land und löste ein Welle euphorischer Hilfsbereitschaft aus. Nun stranden wieder Zehntausende Flüchtlinge, an der griechisch-mazedonischen Grenze, aber Merkel konstatiert diesmal kühl, die Menschen müssen die Aufnahmeeinrichtungen in Griechenland nutzen. Was leicht zynisch wirkt, da Merkel bekannt sein dürfte, dass die für den momentanen Andrang bei Weitem nicht ausreichen, weshalb Tausende auch auf Athener Plätzen und anderswo unter freiem Himmel campieren – nicht anders als in Budapest vor den Bahnhöfen von einem Dreivierteljahr.

Natürlich, darauf hat Merkel zu Recht hingewiesen, gibt es einen gravierenden Unterschied: Der ungarische Rechtspopulist Viktor Orbán wollte die Flüchtlinge nicht im Land haben und so schnell wie möglich wieder loswerden. Die griechische Regierung von Alexis Tsipras dagegen hat sich dem Druck der EU gebeugt, Aufnahmelager und Registrierungsstellen für diejenigen Flüchtlinge zu errichten, die keine Chance auf Asyl in Europa haben. Nur dass das wirtschaftlich am Boden liegende Land damit heillos überfordert ist und deshalb dringend Nothilfe aus Brüssel fordert.

Geändert hat sich zwischen Ungarn Anfang September und Idomeni im März 2016 mindestens dreierlei: Merkel hat erkannt, dass sie mit ihrem Alleingang in Europa, der Hunderttausende nachzog, selbst wohlmeinende Verbündete verprellt hat und nun ziemlich allein dasteht. Sie kämpft jetzt für eine gemeinsame europäischen Lösung, vor allem für eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge auf die Mitgliedsstaaten. Die Visegrad-Staaten Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien haben sich schon dagegen gestellt, die Balkanstaaten haben Fakten geschaffen, indem sie die Flüchtlingsroute weitgehend abgeriegelt haben. Österreich und Frankreich sind Wackelkandidaten. Wenn Merkel sie auf ihre Seite zöge für eine "Koalition der Willigen", hätte sie schon viel erreicht. Ein neuerlicher, wenn auch begrenzter Alleingang in Sachen Idomeni würde diese Bemühungen konterkarieren.

Mazedonische Grenze - "Wir haben einen zweiten Krieg gefunden" Tausende Flüchtlinge sind an der Grenze zu Mazedonien gestrandet. Ein Syrer berichtet, wie er die Situation dort erlebt.

Geändert hat sich zweitens die Stimmung in Deutschland, und zwar dramatisch. Nach der Öffnung der Grenzen im September erfasst eine "Willkommenskultur" das Land, Abertausende engagierten sich als freiwillige Helfer. Doch je mehr kamen, desto mehr kippte die positive Haltung in der Bevölkerung in eine skeptische, ablehnende bis aggressive, bereitwilligst gefördert von Gruppen wie Pegida und AfD. Die Bilder der Menschen, die in Idomeni im Schlamm ausharren, rühren sicher auch heute noch. Aber sie lösen keinen Impuls mehr aus, unmittelbar zu helfen. Weil, wie es jetzt auch in weiten Teilen der Regierungsparteien heißt, "wir ja nicht alle aufnehmen können".

Merkel handelt realpolitisch – Grenzschließung nicht ausgeschlossen

Die dritte und entscheidende Änderung: Angela Merkel ist von der kurzzeitigen "Kanzlerin der Herzen" wieder zur nüchternen Realpolitikerin geworden. Ihre Entscheidung, die Grenzen für die Flüchtlinge aus Ungarn zu öffnen, hatte sie noch damit begründet, dass man den Menschen in Deutschland keine Fernsehbilder zumuten könne von Menschen, die auf Autobahnen campieren und an Grenzzäunen rütteln. Jetzt redet sie über einen Deal mit dem türkischen Autokraten Erdoğan,über Hilfszahlungen an die Anrainerländer Syriens, über eine Wiedereinsetzung des Dublin- und Schengensystems, über den Schutz der Außengrenzen auch mit Nato-Schiffen und ähnliche Dinge. Außerdem haben sie und die schwarz-rote Koalition das Asylrecht mehrfach verschärft, zur Abschreckung.

Das alles mag kühl wirken angesichts der Schicksale der Hunderttausenden Flüchtlinge. Und es wird einige von ihnen wohl nicht davon abhalten, dennoch nach Wegen nach Europa und Deutschland zu suchen. Aber ist es der einzige Weg, die Flüchtlingskrise halbwegs in den Griff zu bekommen und dabei nicht nur Europa, sondern auch Deutschland und die anderen Mitgliedsstaaten gesellschaftlich zusammenzuhalten. Auch das sind ja wichtige Werte.

Humanität ist ein wichtiger politischer Impuls. Aber realistische Politik muss darüber hinaus verschiedene Interessen, auch den eigenen Machterhalt. Dieser Maxime folgt jetzt auch Merkel wieder. Selbst wenn das nach einem Scheitern des Brüsseler Krisengipfels am 7. März heißen sollte, dass auch Deutschland vorerst seine Grenzen schließt. Das wäre dann die Antithese zur Willkommens-Merkel von 2015.