Montagabend, 19 Uhr, im Führungsstab der Bundespolizei in Passau. Am Tisch haben Platz genommen: Vertreter der Bundespolizei, der Stadt und Ärzteschaft, zwei Offiziere der Bundeswehr, der Leiter der örtlichen Außenstelle des Bundesamts für Migration und Christian Reidel, Anwalt und ehrenamtlicher Helfer der NGO Passau Verbindet. Auf der Tagesordnung steht die Flüchtlingskrise: Wer braucht wo Decken und Schlafplätze? Fehlt es an Buntstiften für Kinder? Wann stehen die Busse und Züge bereit, um die Flüchtlinge weiter zu transportieren? Einmal pro Woche trifft sich dieser Kreis.

Ein paar Tage später: Vom Fenster seines Büros in der Passauer Innenstadt im vierten Stock blickt Christian Reidel von Passau Verbindet über den Inn. Die Hügel am anderen Ufer sind Österreich. Von dort kamen im Sommer Hunderttausende über die Grenze gedrängt. Passau mit seinen gerade mal 50.000 Einwohnern drohte der Kollaps. Ohne Blaupause für eine solche Krise fanden sich alle zuständigen Stellen in diesem Anpack-Gremium zusammen. Reidel zeigt auf seinem Computerbildschirm: Excel-Tabellen, für jede Sitzung ein Protokoll, eine Telefonliste, über die im Notfall SMS an die 1.500 Ehrenamtlichen von Passau Verbindet gehen: "Windeln und Lebensmittel fehlen" oder "Im Schichtplan brauchen wir noch jemanden für Freitagabend".

Nirgends lassen sich die bürokratische Präzision, die Herzlichkeit und das spontane Organisationsgeschick, mit dem die Bayern eine Million ankommende Flüchtlinge aufnahmen und verteilten, besser beobachten als hier in Passau.

Flüchtlinge - Bayerns Justizminister erklärt Flüchtlingen Deutschland Die bayerische Staatsregierung hat Kurse für Flüchtlinge über die deutsche Rechtsordnung organisiert. Auch Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) versucht sich als Lehrer. Die Resonanz der Flüchtlinge ist geteilt.

In Bayern ist diesen Winter allen Unkenrufen zum Trotz kein Flüchtling erfroren. Für ihre Registrierung müssen Asylbewerber nicht tagelang in glühender Hitze oder Schneegestöber warten wie vor dem Berliner Lageso. "Maghreb-Viertel", Hinterhof-Moscheen oder sonstige Parallelgesellschaften kennt man in Bayern ebenso wenig wie eine offene Drogenszene wie im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Wohl auch deshalb versammelt Pegida in Bayern bestenfalls ein paar Hundert Schreihälse. Kurz: Bayern ist ein Musterbeispiel dafür, dass Migration und Integration gelingen und bereichern können. Die Zutaten, wie in Passau, sind: ein funktionierender Staat und eine ebenso starke Zivilgesellschaft.

Wie passen bayerische Willkommenskultur und Seehofer zusammen?

Und trotzdem sind es Horst Seehofer und seine CSU, die keine Gelegenheit auslassen, gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu protestieren: Obergrenze, Integrationspflicht, Transitzentren, Grenzzäune, Verfassungsklage. Die Gründe für diesen bayerischen Abwehrreflex gegen Flüchtlinge sind paradoxerweise dieselben wie für die Willkommenskultur: Für die Bayern ist es wichtig, dass in ihrem Bundesland alles funktioniert und dazu gehört, dass die Flüchtlinge versorgt sind. Aber zu ihrem Selbstbewusstsein als Freistaat gehört auch, dass ihre Regeln auf das Strikteste befolgt werden, und sie sich von außen nicht reinreden lassen.

Ein Widerspruch? "Nicht unbedingt", findet Roswitha Goslich. Die studierte Philosophin wohnt in Tutzing, am Westufer des Starnberger Sees. Wo die Berggipfel weißer sind, das Wasser blauer und die Luft klarer ist als anderswo. Bei Wahlen fährt die CSU hier stabile absolute Mehrheiten ein. Aktuell leben 255 Flüchtlinge in dieser heilsten aller bayerischen Welten – betreut und umsorgt von Goslich und 364 weiteren ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern. Sie bieten Sprachkurse an, reparieren Fahrräder und vermitteln Lehrstellen. Die katholische und evangelische Kirche am Ort haben sich zu diesem Helferkreis zusammengeschlossen, dem aber auch Agnostiker und Moslems angehören, wie Goslich versichert. Letzten Sommer, da öffnete die katholische Kirche ihre Türen und lud die Flüchtlinge zu einem Ramadan-Fest ein. Dass ausgerechnet die Kirche, die nicht mal mit Protestanten gemeinsam das Abendmahl feiert, zu so etwas bereit ist, hat Goslich nicht überrascht: "Andersgläubige sind doch keine Bedrohung für uns hier."

Minderjährige Flüchtlinge - "Er hilft mir – und ich helfe ihm" Etwa 60.000 Minderjährige flohen im vergangenen Jahr ohne ihre Eltern nach Deutschland. Auch der 17-jährige Hamud kannte in München niemanden. Bis er Felix traf. Ein Beitrag aus der Webdokumentation “Fremde Freunde”, die mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten 2015 ausgezeichnet wurde. (http://afklab.pageflow.io/fremde-freunde)