Vier Tage vor der Landtagswahl liegt in einem Café in Aalen die Schwäbische Post aus. "Grenzen schließen sich" titelt die Regionalzeitung: Jetzt lässt auch Slowenien nur noch Flüchtlinge mit gültigen Papieren ins Land. Die Balkanroute ist dicht, damit auch EU-Grenzen. Es ist das eingetreten, was Kanzlerin Angela Merkel immer verhindern wollte.

Solche Schlagzeilen haben sie in der CDU zu Ende des Landtagswahlkampfes in Baden-Württemberg gefürchtet. Merkel aber wirkt gut gelaunt, als sie am Abend in der Kreisstadt auf der Schwäbischen Alb auftritt. Mit entschlossener Stimme erklärt sie die Idee für einen europäisch-türkischen Flüchtlingsaustausch, über die bei einem EU-Gipfel an diesem Montag verhandelt wurde: So könne den Schleppern das Handwerk gelegt werden und es würden nur noch die Flüchtlinge kommen, für die sich das lohne: "Das kann – ich glaube auch, es wird – dazu führen, dass weniger kommen." Dann wären auch keine geschlossenen Grenzen in der EU mehr nötig. Die Kanzlerin bekommt ermunternden Applaus.

Als Merkel am Ende ihrer Rede in den holzgetäfelten Veranstaltungssaal winkt, erheben sich die Menschen. Die Stimmung ist ehrfürchtig. Ein Auftritt auf der Schwäbischen Alb, diesem hügeligen Landstrich nahe Bayern, das ist schon ein Heimspiel für einen CDU-Politiker. Ordentliche Einfamilienhäuser stehen weitläufig im Grünen, am Fachwerk-Marktplatz von Aalen genießen die Einwohner die ersten Sonnenstrahlen vor dem Ital Eis Paradies. Bei der letzten Landtagswahl kam die CDU hier auf 46 Prozent, bei der Bundestagswahl wählte auf der Schwäbischen Alb sogar fast jeder Zweite christdemokratisch.

"Mit den Türken hatte ich immer schon meine Probleme"

Und doch ist die Unsicherheit bis nach Aalen gekrochen. An diesem Sonntag beendet die CDU Baden-Württemberg "mit Sicherheit einen der schwierigsten Wahlkämpfe". So sagt es der christdemokratische Spitzenkandidat Guido Wolf. Nach dem "Betriebsunfall" 2011, der Abwahl der CDU aus der Landesregierung nach 58 Jahren, könnte sich die Schmach noch erhöhen: Die Grünen strengen sich an, die CDU zu überflügeln und stärkste Partei zu werden.

In ihrer Kampagne haben die Grünen den Wertkonservativen Winfried Kretschmann geschickt als Landesvater inszeniert. Auf Kretschmanns Wahlplakaten werden frühere CDU-Slogans wie "starke Familien" und "innovative Wirtschaft" einfach auf dunkelgrünem Untergrund präsentiert. Doch das Problem ist nicht nur Kretschmann, auf den nach Angaben von CDUlern in Aalen vor allem die eigenen Frauen stehen. Insbesondere Merkels liberale Haltung in der Flüchtlingskrise könnte die CDU Wähler kosten.

In der Stadthalle sind sie mit der Kanzlerin vorsichtig solidarisch. Ein Aalener hat sich zur Feier ihres Besuchs die schwarze Uniform der Berufsfeuerwehr angelegt. "Wer wenn nicht das starke Deutschland habe die Verpflichtung den Flüchtlingen zu helfen?", fragt er. Der Mann berichtet aber auch vom nahen Ellwangen, wo es eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gibt. "Das Stadtbild hat sich in den vergangenen Monaten massiv verändert, die Leute genießen ihr Städtle nicht mehr."

In Aalen in der Fußgängerzone steht ein Rentner, im früheren Leben Ingenieur, rote teure Sportjacke, einen Jutesack in der Hand. Ein gut gelaunter, jovialer Mensch. Früher war er CDU-Wähler, aber das ist vorbei. Mit der Merkel komme er nicht klar, sagt der Mann. Vor allem nicht mit deren europäischen Ansatz in der Flüchtlingskrise. Das regt ihn auf, ein Ruck geht durch seinen Körper: "Wie sie jetzt die Erpressermethoden der Türken mitmacht. Mit Türken hatte ich immer schon meine Probleme." Einzig die AfD sage in der Flüchtlingskrise noch, wie es wirklich sei. Der Mann dämpft seine Stimme nicht, als er die rechtspopulistische Partei lobt, manche Passanten schauen sich schon nach ihm um. Schade nur, dass die AfD manchmal so radikal formuliere, findet er. Auf der Ostalb werde die Partei trotzdem sehr gute Ergebnisse bekommen, so seine Prophezeiung. Er selbst habe schon gewählt. Die AfD? Über sein Gesicht huscht ein Lächeln. Er schweigt.