Es sind anomale Zeiten für die Demokratie in Deutschland. Nein, die Anomalie besteht nicht so sehr darin, dass 12 bis 24 Prozent der Bürger AfD wählen. Diese Zahlen sind eher das Ergebnis von zwei systemischen Schiefständen. Da ist zum einen die schiefe Vorstellung von Demokratie, der immer mehr Wähler anheimfallen, eine, die schwer an kindliche Trotzhaltung erinnert: Wenn ich meinen Willen nicht bekomme, läuft hier irgendwas total falsch. Vor allem eine Menge ostdeutsche Landsleute scheinen einen Fehlschluss aus 1989 mit sich herumzutragen, der lautet: Wenn ich jeden Montag demonstrieren gehe, muss ich ja wohl das Volk sein. Falsch. Ihr seid diesmal womöglich nur eine panische Minderheit.

Anomal ist allerdings auch die Tatsache, dass ausgerechnet in Zeiten, in denen sich sehr ernsthafte Fragen stellen, es keine ernsthafte parlamentarische Opposition gibt. Eine gesunde Demokratie braucht Reibungskräfte, sie braucht eine Gegenstimme zur Regierung, mit anerkannten Parteichefs, einem durchdachten Alternativprogramm und am besten mit einem Schattenkabinett, das stimmige Konkurrenzideen entwickeln kann. Sie braucht auch eine Presse, die sämtliche Bewerber und Argumente im politischen Meinungskampf mit derselben Härte und Fairness prüft.

All das trifft auf Deutschland derzeit sehr eingeschränkt zu. Um zu verhindern, dass der rechte und der linke Rand der Systemverächter nicht noch größer wird, sollte sich deshalb ein bisschen was ändern an der Art der kontrollierenden Gegenrede.

Statt zu demontieren, wurde zuletzt zu viel dämonisiert, und statt zu argumentieren zu viel moralisiert. Das war schon in der Euro-Debatte so, und ist es in Flüchtlingsdebatte ähnlich. Kein Zweifel, es lassen sich eine Menge gute Gründe für die Griechenland-Rettung und für eine großzügige Flüchtlingspolitik finden, nur: Leute, die über diese Fragen anders denken, pauschal als Europa-Feinde oder Rassisten zu verunglimpfen, ist das allerschwächste und allerschädlichste Argument.

Solche Reaktionsmuster entspringen ebenfalls einer Trotzhaltung, die der Mehrheit. Sie ersticken nicht nur jede konstruktive Debatte, sie führen auch dazu, dass die Wut derer wächst, die sich von der Demokratie ungerecht behandelt fühlen – was wiederum echte Demokratiefeindschaft erzeugen und das Vertrauen in politische Institutionen weiter erodieren lassen kann. Um einen klassischen Gedanken von John Stuart Mill wiederzubeleben: So überzeugt auch jeder von seiner Meinung sein mag, es sollte ihm klar sein, dass, wenn diese Meinung nicht vollständig, permanent und furchtlos diskutiert wird, sie als totes Dogma statt als lebendige Wahrheit gelten wird.

Nichts, anders gesagt, ist kontraproduktiver, als die Moralkeule gegen Leute zu schwingen, deren Gedankenballons sich mit einem Zahnstocher zerknallen lassen. Die AfD-Chefin Frauke Petry möchte den Grenzübertritt von Flüchtlingen notfalls per Schusswaffengebrauch verhindern? Okay, fragen wir nach den Details: Sollen die Grenzschützer auf die Beine zielen oder auf die Köpfe? Reichen Pistolen, oder braucht es bei Hunderten von Flüchtlingen nicht Maschinengewehre? In welche Krankenhäuser kommen die Verletzten, wer bezahlt die Behandlungen, und wer kümmert sich um die Toten und um die Waisenkinder? Ist das Ganze wirklich eine Idee, die Sie weiterverfolgen möchten, Frau Petry?