Entschuldigung, wir müssen mit einer Vulgarität beginnen. Im Rolling Stone berichtet der Reporter Matt Taibbi von der ekstatischen Teilnehmerin einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps. Warum sie Trump wählen werde, fragt jemand. Sie antwortet: Weil seine Eier so groß sind wie Wassermelonen.

Zweite Szene: Wütende Menschen tragen Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel als "Mutter Terroresia" oder "Mutti Multikulti" durch deutsche Städte. Einer hat einen Galgen dabei. Die beiden beliebtesten Slogans auf vielen Demos und Facebook-Seiten sind: "Merkel muss weg", denn "Wir sind das Volk".

"Ludwig muss sterben, weil das Vaterland leben muss", soll der französische Revolutionsführer Robespierre gesagt haben, bevor der letzte König des Ancien Régime nicht am Galgen, sondern unter der Guillotine endete. Das war im Jahr 1793. Auch wenn eine sächsische Revolution nicht zu erwarten ist: Die Ähnlichkeit in Geste und Sprache ist auffällig.

Sowohl die deutsche Szene als auch jene aus dem US-Wahlkampf deuten auf ein Verständnis von politischer Repräsentation hin, das nicht zum klassischen Verständnis liberaler Demokratie passt. Die Verehrung für Trump so wie die Vernichtungsfantasien gegen Merkel sind persönlich gemeint –  körperlich gar. So wie einst in der Monarchie.

Im Körper des Königs vereinten sich Recht und Macht auf absolute Weise. Der König repräsentierte das Volk nicht. Er war es. Ob im Guten oder Schlechten: Das Handeln des Königs war für die Beherrschten konstituierend, es gab keinen anderen politischen Willen, keine von ihm unabhängige Öffentlichkeit. Volkskörper und Königskörper waren eins.

Damit sollte es eigentlich seit jener Hinrichtung im Jahr 1793 vorbei sein. So war Robespierres Satz ja gemeint: Mit dem natürlichen Körper des Königs starb auch der politische Körper der Monarchie. Von nun an sollte im Geiste der Aufklärung die Vernunft herrschen, das souveräne Volk Kompromisse zwischen Einzelinteressen aushandeln. Statt der Person des Regierenden wurden die Verfahren der Herrschaft entscheidend; die Macht wurde ort- und körperlos, abstrakt.

Von "kalter Repräsentation" in Abgrenzung zur körperlichen, "heißen Repräsentation" in Monarchien spricht der Politikwissenschaftler Philip Manow in seinem Buch über "die politische Anatomie demokratischer Repräsentation".

Das Phantasma eines einigen Volkes

Problematisch wird es, wenn Teile der Bevölkerung sich vom kalt repräsentierenden Parlament und der angeschlossenen Medienöffentlichkeit nicht mehr vertreten fühlen, wenn ihre Meinung "keine symbolische Auflösung mehr in der politischen Sphäre findet", wie der französische Philosoph Claude Lefort es formulierte. Bei den Betroffenen entfalte sich dann "das Phantasma des einen Einheitsvolkes", die Vorstellung von einem einzigen "Gesellschaftskörper, der gleichsam mit dem Kopf zusammengelötet ist". Die Unvertretenen begeben sich dann auf die Suche "nach einer leibhaftigen, verkörperten Macht, einem Staat, der von jeglicher Teilung frei wäre".

Lefort schrieb das im Jahr 1990. Es klingt wie eine aktuelle Beschreibung von Pegida und AfD.

Das ist es, was bei den "Merkel muss weg"-Demonstranten passiert: Weil sie ihren Willen nicht vertreten sehen, laufen sie heiß. Wenn sie Merkel vorwerfen, nicht im "Volkswillen" zu handeln, ist das eine quasi-monarchistische Geste. So wie der König eins war mit dem Volk, soll es jetzt die Kanzlerin sein. Da sie das Volk verraten habe, müsse sie nun sterben (also: zurücktreten), damit das Volk wieder zu seinem Recht komme.

Auch demokratische Herrschaft inszeniert sich

Philip Manow verteufelt diese emotionale, "heiße Repräsentation" nicht. Sie gehöre dazu. Er argumentiert, "dass die Demokratie keine bilderlose und kulturell voraussetzungslose Verwirklichung der reinen Vernunft ist". Unter anderem das "Bad in der Menge" der US-Präsidenten und die ästhetische Inszenierung von Macht (sakralartige Parlamentssäle, endlose Fahrzeugkolonnen bei Staatsbesuchen) beweisen: "Auch die demokratische Herrschaft sucht sich durch wundersame Zeichen zu legitimieren."

Autoritäre Herrscher, Diktatoren sowieso, haben sich diese Elemente immer zunutze gemacht. Saddam Husseins Standbilder beherrschten den öffentlichen Raum im Irak, sie waren unberührbar. Erst mit ihrer Zerstörung endete seine Macht. Und in den sowjetischen Militärparaden auf dem riesigen Aufmarschplatz vor dem Palast erkennt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme gar ein erotische Verschmelzungsfeier zweier Körper: "Den Marschkörper der Massen, endlos in die flache Horizontale ausgedehnt, im stundenlangen Defilee den Augen Stalins und den toten Augen Lenins dargeboten; und den Körper der Macht, vertikal in den Himmel gerichtet."

Hier verschwimmen Vorstellungen von körperlicher Potenz und politischer Macht. Ganz so wie in der Begeisterung der Trump-Anhängerin über die genitale Ausstattung des Kandidaten für das mächtigste Amt der Welt.