Ein Anhänger der FDP auf einer Wahlparty seiner Partei © Frank Rumpenhorst/dpa

Am Sonntagabend bricht sich im Thomas-Dehler-Haus in Berlin um 18.01 Uhr ein gemeinschaftlicher Schrei der Erleichterung Bahn. Die ersten Prognosen von ARD und ZDF zeigen: Die FDP zieht in die Landtage von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein, und selbst im für die Partei traditionell schwierigen Sachsen-Anhalt hat es beinahe geklappt. Freude, Euphorie, Stolz: "Wir sind wieder wer", fasst ein Parteimitglied die Stimmung zusammen.

Als Christian Lindner das gut gefüllte Atrium betritt, geht ein Raunen durch den Raum, das fast im selben Moment in Applaus umschlägt. "Heute ist die Partei der Weltoffenheit und Vernunft gestärkt worden", sagt der FDP-Chef unter rauschendem Beifall. Die Ergebnisse zeigten: Mit der FDP sei weiter zu rechnen.

Für Lindner ist das gute Abschneiden seiner Partei mehr als nur ein Schritt beim "Projekt Wiedergeburt", das den Wiedereinzug in den Bundestag 2017 zum Ziel hat. Es ist der Beweis, dass seine Strategie funktioniert. Im Wahlkampf setzte die FDP unter Lindners Führung konsequent auf das, was man am Abend im Dehler-Haus selbstsicher als dritten Weg bezeichnete: Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung  – ja. Rechtspopulismus à la AfD – nein.

Übersicht der Ergebnisse

Gewinne und Verluste, Sitzverteilung, mögliche Koalitionen.

Mit dieser Taktik wollten die Liberalen vor allem enttäuschte Unionswähler auf ihre Seite ziehen. Entsprechend hatte sich Lindner schon im September positioniert. Während im Land noch die positive Stimmung des "Wir schaffen das" überwog, testete der FDP-Chef bereits Sätze wie: "Nicht Deutschland muss sich zuerst verändern, sondern viele Flüchtlinge werden sich verändern müssen."

Diese Gangart behielten Lindner und die Spitzenkandidaten in den drei Ländern bei, ohne als Scharfmacher aufzutreten. Lindner wetterte gegen das inkompetente Krisenmanagement der Bundesregierung im Allgemeinen und das Vorgehen der Kanzlerin im Speziellen. Dabei verband er liberale Forderungen mit der Flüchtlingskrise. Die Integration der Menschen in den Arbeitsmarkt etwa werde von zu viel Bürokratie und dem Mindestlohn behindert, kritisierte Lindner. Angela Merkel warf er vor, Europa ins Chaos zu stürzen. Ein schwieriger Balanceakt, zumal die FDP bei den grundsätzlichen Lösungsansätzen ganz bei der Bundesregierung war und etwa einen effektiven Schutz der Außengrenze forderte anstelle von nationalen Maßnahmen. 

Bürgerliche Wähler als Ziel

Das Ziel der Strategie ist klar. Die FDP fischt in den Bereichen zwischen Union und AfD. Angesprochen werden sollen unzufriedene bürgerliche Wähler, denen die AfD aber zu krawallig ist. "Wir sind keiner Versuchung erlegen, in irgendeiner Weise Ränder zu bedienen", sagt Lindner am Sonntagabend im Dehler-Haus. Die FDP habe bewiesen, dass man Wahlen sehr wohl noch in der Mitte gewinnen könne.

Tatsächlich ist die Partei mit diesem Kalkül zumindest in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gut gefahren. Hier, wo der Mittelstand stark und die FDP gut verwurzelt ist, fiel Lindners Angebot eines dritten Weges auf fruchtbaren Boden. In Sachsen-Anhalt war die Ausgangslage komplizierter. Hier hatte die FDP schon immer einen schweren Stand, saß erst in drei der bisher sechs Landtage. Zudem sind die Wähler hier offener für radikalere Angebote, wie das starke Abschneiden der AfD zeigt.

Auch wenn es so am Ende für die Kür, den Einzug in den Landtag Sachsen-Anhalt, wohl nicht reicht: Die FDP ist zurück. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bringen der Partei politische Kernwährungen, nämlich Aufmerksamkeit und Relevanz. Selten war die FDP dabei so sehr auf ihren Vorsitzenden geeicht. Es scheint, als ob dank Lindner die Wiedergeburt gelingen könnte.