Nachruf - Guido Westerwelle - Ein Kämpfer bis zum Schluss Er war der jüngste Parteichef der FDP und führte die Partei mit guten Ergebnissen in die Regierungsbeteiligung. Als Außenminister versuchte er in den Krisenregionen der Welt zu wirken. Mit nur 54 Jahren endete sein Kampf gegen den Krebs.

Wer nur den öffentlichen Guido Westerwelle kannte, der kannte ihn eigentlich gar nicht. Westerwelle bediente jedes Vorurteil: zu forsch, zu schrill, zu ehrgeizig – mit einem Wort: unseriös. Einer, der sich das gewünschte Wahlergebnis (18 Prozent) auf die Fußsohlen malte und sich damit in die TV-Talkshow setzte. Schrecklich!

Den anderen Westerwelle konnte man in seiner Zeit als Außenminister auf langen gemeinsamen Auslandsreisen kennenlernen: zugewandt, interessiert, höflich, liebenswürdig, bescheiden. Manchmal war man noch ins Gespräch vertieft, wenn der Regierungsflieger bereits wieder in Berlin-Tegel aufsetzte.

Mit offener Geringschätzung hatten die Diplomaten im Auswärtigen Amt ihren neuen Chef empfangen: Der interessiert sich doch überhaupt nicht für Außenpolitik, klagten sie hinter nicht immer vorgehaltener Hand, und im übrigen versteht er auch nichts davon. Warum wolle er überhaupt Außenminister werden? Die schnelle Antwort: "Weil Genscher es war."

Und Westerwelle machte Fehler, im Stil und in der Substanz. Er fertigte einen Reporter ab, der ihm auf Englisch eine Frage gestellt hatte: "Das ist Deutschland hier." Im UN-Sicherheitsrat musste sich der deutsche Botschafter im März 2011 bei der Abstimmung über ein militärisches Eingreifen in Libyen der Stimme enthalten. Die Bundesregierung stellte sich damit gegen die engsten Verbündeten, gegen Amerika, Frankreich und Großbritannien. Ein diplomatisches Desaster, für das nicht Westerwelle allein verantwortlich war. Aber an ihm bliebt der Makel hängen, dass Deutschland sich in einer entscheidenden Frage isoliert hatte.

Westerwelle auf dem Tahrir-Platz

Westerwelle hat an den Zweifeln gelitten, die ihn als Außenminister begleiteten. Er wollte es seinen Kritikern zeigen – ein Motiv, das sich durch seine gesamte politische Laufbahn zog. "Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!" Das rief er nicht nur Journalisten und intriganten Parteifreunden zu, das mag er insgeheim auch über seine Diplomaten gedacht haben.

Ihre Anerkennung gewann er durch den Fleiß und die Zielstrebigkeit, mit denen er sich auch in der Partei nach oben gearbeitet hatte. Als er im Mai 2011 nach einer Reihe schwerer Wahlschlappen den FDP-Vorsitz an Philipp Rösler übergeben musste, fiel – so schilderte er es später – eine Last von ihm ab: "Ich habe mich auf die neue Zeit gefreut."

Jetzt konzentrierte er sich ganz auf das Außenamt. Es ist die Zeit des Arabischen Frühlings, eine Zeit des Aufbruchs. In Kairo, Tunis und Tripolis geht das Volk auf die Straße, Diktatoren stürzen, vieles scheint möglich. Westerwelle lässt sich von der Euphorie anstecken, mischt sich unter die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz.

Als die Freiheitsrevolte in den arabischen Ländern umschlägt in Gewalt und neue Repression, als Krieg und Bürgerkrieg ausbrechen und in den westlichen Hauptstädten über ein militärisches Eingreifen in Libyen oder Syrien nachgedacht wird, hält Westerwelle dagegen. Nichts an ihm ist jetzt mehr laut und schrill. Beharrlich, mit ruhiger Konsequenz verteidigt Westerwelle die "Kultur der militärischen Zurückhaltung", die aus seiner Sicht zum Wesensmerkmal der deutschen Außenpolitik geworden war. "Sie steht uns Deutschen gut zu Gesicht."