Der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle © Michael Kappeler/dpa

Wie viel Spott kann ein normaler Mensch ertragen? Wie viel ein Politiker? Und wie viel Guido Westerwelle? Über die FDP zu spotten ist irgendwann zu einem Volkssport geworden, doch der Spott, den Westerwelle während seiner beruflichen Laufbahn hinnehmen musste, war nicht einfach nur komisch, oft war er ressentimentgeladen, abschätzig und eben auch billig. Ruhig wurde es erst zum Schluss, als die Leukämieerkrankung Westerwelles bekannt wurde, das war dann auch der letztmögliche Moment.

Westerwelle hat dagegen angelacht, gegen den Spott und, leiser, gegen die Krankheit, er hat den Spott, so schien es jedenfalls, auf die leichte Schulter genommen und die Krankheit als eine Chance, sich auf jenen Teil seines Lebens zu konzentrieren, den er sich zuvor, in seiner ständigen Geschäftigkeit, nie zur Gänze erlaubt hat. Dass, wer Politik macht, zum Lachen nicht in den Keller gehen muss, hat er unermüdlich, ja manchmal etwas verbissen unter Beweis gestellt. Dass, wer Politik macht, dafür besser auch nicht in den Big-Brother-Container geht, ebenfalls.

Westerwelle hat neue Formate der Politvermarktung ausgetestet, er ist dabei gestolpert, aber nie ganz gefallen. Denn hinter aller polemischen Begabung und einer Schmerzfreiheit in Bezug auf popkulturelle Medienformate stand ein Mann mit immensem politischem Gespür und mit Überzeugungen, für die er klar eintrat, mit taktischem Geschick und rhetorischem Talent. Und dennoch, das ist vielleicht das Tragischste an der politischen Biografie Westerwelles, bleibt von ihm überdeutlich der Wahlerfolg 2009 in Erinnerung, der gleichzeitig ein Wahlfiasko war.

Was bleibt von Westerwelles Politstil?

Zum einen weil die Partei trotz allem 18-Prozent-Getöse nicht auf 14,6 Prozent der Stimmen auf Bundesebene vorbereitet war. Verlegenheitskandidaten auf den hinteren Listenplätzen wurden plötzlich erfolgreich ins Parlament gewählt und eine Partei mit zu wenig gutem Personal musste sich zu sehr ausbreiten in ihrem Fraktionsflügel des Bundestags. Das führte unter anderem dazu, dass die Partei sehr bald auf Landesebene abgestraft wurde und es 2011 zum Sturz Westerwelles als Parteivorsitzenden kam – ein Sturz, der im Nachhinein gesehen auch ein Befreiungsschlag gewesen sein mag.

Zum anderen und wesentlicher aber lag das Fiasko auch im Wahlkampf selbst begründet, denn für den hatte Westerwelle die FDP auf wenige, griffige Themen verengt, genau genommen auf eines: Steuern runter. Das wirkte, aber es wirkte eben auch kalt, eigennützig, ganz sicher nicht solidarisch, eher wie ein Bestellbogen denn wie das Programm einer vielschichtigen politischen Partei.

Was von Westerwelles Politstil, von seinen Ideen, von seinem Unkonventionellen ist in der jetzigen, sich neu erfindenden FDP geblieben? Eines ist klar: Wer in der FDP etwas werden wollte, musste sich an Westerwelle abarbeiten. Da gab es die beiden jungen Abgeordneten namens Christian Lindner und Philipp Rösler, die 2009 zusammen ein Buch herausgaben: Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt, von der Intention her durchaus eine Art Gegenkurs zu Westerwelle: Vom mitfühlenden Liberalismus, vom Sozialliberalismus war plötzlich die Rede.

Doch so richtig mochte keiner der Jüngeren gegen Westerwelle aufbegehren. Die Stärke und Präsenz Westerwelles machte eine langsame Reform der Partei eben auch schwierig. Selbst nach Westerwelles Rücktritt schienen sich Rösler, Lindner und Daniel Bahr die Nachfolge eher gegenseitig in die Schuhe schieben zu wollen, als darum zu kämpfen. Rösler trat sie schließlich an und die Prozentzahlen fielen weiter. Seit Röslers Misserfolg als Parteivorsitzender war auch schnell nicht mehr viel vom mitfühlenden Liberalismus die Rede; er wirkte im Nachhinein wie ein Werbeslogan, der sich eben schlechter durchgesetzt hat als "Mehr Netto vom Brutto".