Um kurz vor sechs am Sonntagabend setzt Michael Jubl noch auf das Prinzip Hoffnung. Der junge Mann mit der runden Hornbrille steht im Festsaal des Mainzer Schlosses, ein Glas Weißwein in der Hand. Dass aus der rauschenden Party, die die CDU hier eigentlich feiern wollte, nichts wird, weiß er da schon. Er kennt erste Zahlen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Partei kursieren. Aber noch hofft er auf die hohe Wahlbeteiligung und die große Zahl der Briefwähler. "Das wird ein langer Abend", prophezeit Jubl.

Doch nur Minuten später ist klar: Dieser Wahlabend ist früher zu Ende als gedacht. Die erwartete Zitterpartie, das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der amtierenden sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihrer CDU-Herausforderin Julia Klöckner fällt aus.

Fast fünf Prozentpunkte liegt die CDU hinter der SPD. Um zu ermessen, wie schockierend dieses Ergebnis für die rheinland-pfälzische, aber auch für die CDU insgesamt ist, muss man wissen, dass der hiesige Landesverband in allen Umfragen der vergangenen dreieinhalb Jahre immer vor der SPD lag, teilweise mit einem Abstand von bis zu zwölf Punkten. Erst die allerletzte Umfrage vor der Wahl sah die SPD vorn, aber auch das nur um einen Prozentpunkt.

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"Julia, Julia!"

Als Klöckner um kurz vor sieben das Mainzer Schloss betritt, wird sie trotzdem frenetisch beklatscht. "Julia, Julia!" skandieren ihre Anhänger vielleicht auch deshalb so lautstark, weil auf der großen Leinwand im Saal gerade die eigentliche  Wahlsiegerin des Abends zu sehen ist: Ausgelassen schunkelt Dreyer mit SPD-Innenminister Roger Lewentz. Für Klöckner dagegen, die bis zu diesem Abend als großen Hoffnungsträgerin in der CDU galt, ja gar schon als mögliche Nachfolgerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel gehandelt wurde, hätte das Wahlergebnis gar nicht schlimmer ausfallen können.

Nicht nur, dass die CDU nur zweitstärkste Kraft wurde. Auch für ein Dreierbündnis mit FDP und Grünen reicht es nicht. Damit gibt es für Klöckner nicht die kleinste Hoffnung, doch noch Ministerpräsidentin zu werden. Verschärft wird diese Demütigung für die CDU-Landeschefin, die auf Wahlplakaten bereits als "unsere neue Ministerpräsidentin" angekündigt worden war, durch die Tatsache, dass eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP anders als das schwarz-grün-gelbe Jamaica-Bündnis eine Mehrheit hätte. Dreyer hat zu einer großen Koalition also eine Alternative, selbst wenn es unwahrscheinlich ist, dass die FDP sich darauf einlassen wird.

Klöckner ist es dagegen schon zum zweiten Mal nicht gelungen, die CDU in Rheinland-Pfalz an die Macht zurückzuführen. Und diesmal fiel die Niederlage sogar eindeutiger aus als 2011. Auch damals hatte die CDU die Wahl schon für gewonnen gehalten. Dann kam Fukushima. Und nun die Flüchtlingskrise?

War A2 die falsche Strategie?

Dass die Flüchtlingsfrage für den Wahlausgang in allen drei Ländern eine entscheidende Rolle gespielt hat, daran kann jedenfalls schon angesichts der hohen Werte für die rechtspopulistische AfD kein Zweifel bestehen. In der Berliner CDU-Zentrale wird an diesem Abend deswegen schon mal damit begonnen, eine Brandmauer um die Kanzlerin zu errichten.

Alle drei Spitzenkandidaten hätten sich von Merkels Flüchtlingspolitik abgesetzt – und verloren; während die Konkurrenten von Grünen und SPD sich hinter die Kanzlerin gestellt und gewonnen hätten, lautet das Argument. Soll heißen, Klöckner, der CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf aus Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff seien selbst schuld.

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Reuters
Julia Klöckner und die CDU schaffen das.

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Das allerdings sieht man in der CDU in Mainz etwas anders. Eine Distanzierung von der Kanzlerin wollen die meisten hier nicht erkennen. Klöckners eigenständige Vorschläge zur Flüchtlingspolitik, ihr berühmter Plan A2, seien schließlich mit Merkel abgesprochen gewesen, sagt zum Beispiel Vorstandsmitglied Hedi Thelen.  Und überhaupt, fragen andere, wer kann schon sagen, wo die CDU stünde, wenn Klöckner diesen Vorstoß nicht gemacht hätte?

Dass sie nun von ihrem Landesverband für einen misslungenen Wahlkampf zur Verantwortung gezogen würde, muss Klöckner – anders als Wolf – nicht befürchten. Das liegt auch daran, dass es in der rheinland-pfälzischen CDU eben niemanden gibt, der über eine vergleichbare Strahlkraft oder einen ähnlichen bundespolitischen Einfluss verfügen würde wie Klöckner.