ZEIT ONLINE: Herr Beck, stimmt es eigentlich, dass Sie als Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz jeden zweiten Sonntag zu einer Bürgersprechstunde in Ihr Privathaus eingeladen haben?

Kurt Beck: Ja. Ich wollte den Bürgern eine Chance geben, mit ihren ganz persönlichen Problemen aber auch politischen Meinungen direkt mit mir zu reden. Ich habe dadurch erfahren, wie Regierungshandeln bei den Leuten ankommt.

ZEIT ONLINE: Wie viel davon ist in Ihre Politik eingeflossen?

Kurt Beck: Das hat seine Wirkung nicht verfehlt. Wenn mir ein Mitarbeiter beispielsweise eine Berichtsvorlage über die Wirkung einer Baurechtsänderung gemacht hat, konnte er sich nicht sicher sein, ob der Alte was Genaueres weiß. Als Politiker selbst zu hören, was die Bürger umtreibt und was sie denken, hilft immer.

ZEIT ONLINE: "Nah bei de Leut'" – dafür standen Sie fast 19 Jahre lang als Ministerpräsident. Fehlt das Ihrer Partei heute?

Kurt Beck: Meiner Nachfolgerin Malu Dreyer jedenfalls nicht – übrigens ein Grund, warum ich wollte, dass sie 2013 meine Nachfolgerin wird. Geerdet ist sie schon allein dadurch, dass sie mit ihrem Mann in dem Trierer Wohnprojekt Schammatdorf mit mehr als 250 behinderten und nicht behinderten Menschen lebt.

Wahlwerbespots - "Beide wollen die gute Landesmutter sein" Julia Klöckner von der CDU will Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz werden, Malu Dreyer von der SPD will es bleiben. Ein Kommunikationsexperte hat ihre Wahlwerbespots analysiert.

ZEIT ONLINE: Schafft es Malu Dreyer, Ministerpräsidentin zu bleiben?

Kurt Beck: Davon bin ich überzeugt, obwohl die Regierungsbildung mit dem wahrscheinlichen Einzug der AfD in den Landtag nicht einfach wird. Umso wichtiger ist es, dass wir die Nase vorn haben. Dafür spricht viel: Erstens wissen die Leute, dass Malu Dreyer eine gute Ministerpräsidentin ist. Zweitens hat die CDU-Kandidatin Julia Klöckner in der Flüchtlingspolitik maßlos mit ihrem Versuch überzogen, sich von der Kanzlerin abzusetzen. Auch konservative Wähler mögen es nicht, wenn man von hinten in die Kniekehlen tritt.

ZEIT ONLINE: Dass Sie kein Fan von Klöckner sind, ist schon klar. Aber gibt es auch etwas, was Sie an ihr schätzen?

Kurt Beck: Nun, sie ist schlagfertig und mediengewandt. Im Laufe des Wahlkampfs ist aber schon offenbar geworden, dass bei Klöckner viel Schauspielerei dabei ist. Mir fehlt bei ihr Tiefe und Wahrhaftigkeit.

ZEIT ONLINE: Obwohl Malu Dreyer in Umfragen mit rund 35 Prozent ein gutes Ergebnis prognostiziert wird, kann es sein, dass die SPD das Ministerpräsidentenamt in Rheinland-Pfalz nach 25 Jahren verliert. Wie schmerzlich wäre das für Sie persönlich?

Kurt Beck: Natürlich wäre es sehr bedauerlich und ich glaube auch nicht, dass es dazu kommt. Aber grundsätzlich gehören Veränderungen zu einer Demokratie dazu.

ZEIT ONLINE: Malu Dreyer weigert sich, mit AfD-Spitzenkandidat Uwe Junge in einer Talkshow aufzutreten. Hätten Sie genauso entschieden?

Kurt Beck: Ja. Von solchen Sechserrunden mit Gott und der Welt halte ich überhaupt nichts. Die zwingen ja geradezu zu Plattitüden, die die Bürger Politikern oft zu Recht vorhalten.

ZEIT ONLINE: Was spricht gegen eine direkte kritische Auseinandersetzung mit AfD-Politikern?

Kurt Beck: Eine Talkshow mit fünf, sechs Gästen bietet nicht den richtigen Rahmen, um die wahre Gesinnung von radikalen Kräften wie der AfD aufzudecken. Denen geht es ja nicht um den Austausch von Argumenten und das ernsthafte Ringen um die beste Lösung. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Vor seinem Deutschlandfahnen-Auftritt bei Günter Jauch kannte den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kaum jemand. Obwohl er in der Sendung nicht unkritisch behandelt wurde, war es nichts anderes als eine Präsentationsplattform für rechtsextreme Inhalte im Gewand eines angeblich besorgten Bürgers.

ZEIT ONLINE: Mit den richtigen Fragen und argumentativ starken Gegnern müsste das doch nicht so sein.

Kurt Beck: Ich glaube, wir brauchen andere Formate – jedenfalls vor Landtagswahlen. Ich wünsche mir, dass zwei, drei Journalisten ein messerscharfes Interview mit einem Spitzenkandidaten führen. Da kann man auch Leuten wie dem hiesigen AfD-Mann Junge auf den Zahn fühlen, die in der Öffentlichkeit so auftreten, als hätten sie gerade Kreide gefressen. Das Publikum wäre deutlich besser informiert als in einer Talkshow, in der alle durcheinander reden und im Zweifel der Diskutant mit den radikalsten Thesen in Erinnerung bleibt.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie die derzeitige politische Stimmung in Deutschland?

Kurt Beck: Der sich bis in gemäßigte konservative Kreis ausbreitende Hass ist zutiefst beunruhigend und erinnert an die späte Weimarer Republik. Ich fürchte, dass die Bedrohungen, die von rassistischen und rechtsextremen Kräften ausgehen, noch nicht hinreichend in ihrer Dimension erkannt sind. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Kurt Beck: Wir haben alle noch nicht gelernt, dass wir unsere Demokratie heute offensiver verteidigen müssen als noch vor einem Jahr. Gefährlich ist die bis weit ins bürgerliche Lage verbreitete Auffassung, AfD und Pegida zeigten es denen da oben mal, aber wirklich groß würden die schon nicht.