Winfried Kretschmann ist überpünktlich. Nicht mal eine halbe Stunde ist vergangen, seit die ersten Prognosen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg über die Fernsehbildschirme gelaufen sind. Sie haben den grünen Balken über sich hinaus wachsen lassen. Gemeinsam mit Ehefrau Gerlinde erklimmt Kretschmann die Stufen der Holzbühne auf der grünen Wahlparty in der Staatsgalerie Stuttgart. Die Luft steht, frenetischer Jubel brandet auf.

"Die Baden-Württemberger haben Geschichte geschrieben und die Grünen zur stärksten Kraft im Lande gemacht", sagt Kretschmann stolz. Das sei doch ein "furioses Ergebnis", wird er später hinzufügen. Tatsächlich ist seit diesem Wahlabend bewiesen: Der grüne Sieg 2011 war kein Betriebsunfall, wie die CDU glaubte. Dieses Mal haben die Wähler die einst so stolze CDU im Südwesten sogar auf Platz 2 verwiesen. Der historische Erfolg hat, das ist durch viele Umfragen gesichert, weniger mit grüner Politik zu tun als mit der Beliebtheit des Spitzenkandidaten Kretschmann im Land.

Die Grünen haben seit diesem Abend allerdings auch ein ziemlich großes Problem, das wird nach den ersten Hochrechnungen schnell klar und lässt die Feierstimmung deutlich abkühlen. Die Kretschmann-Partei hat ihren Regierungspartner verloren: Mitarbeitern und Freunden der SPD-Landtagsfraktion kann man die Fassungslosigkeit schier aus dem Gesicht ablesen. Sie sind von der AfD überflügelt worden, haben im Vergleich zur Wahl 2011 die Hälfte ihrer Stimmen verloren und sind jetzt so klein, dass es für Grün-Rot nicht mehr reicht. "Scheiße", sagt eine einflussreiche Genossin. Sonst nichts.

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Gewinne und Verluste, Sitzverteilung, mögliche Koalitionen

Kretschmann hat die Verluste der SPD vorausgeahnt, weswegen er am Schluss des Wahlkampfs eigens gemeinsame Auftritte mit deren Kandidaten Nils Schmid absolvierte. Es half aber nicht. Doch statt lange darüber zu trauern, richtet Kretschmann den Blick lieber nach vorn. Da ist er ganz Pragmatiker. In Krisen gehe er auf Konsens, das ist einer von Kretschmanns Lieblingssätzen. Also erklärt der 67-Jährige in seiner ruhigen Art: Angesichts der starken AfD müssten sich nun die demokratischen Parteien zusammenraufen, um eine stabile Regierung zu bilden.

Die klassischen Bündnisse sind wegen der Stärke der AfD und der Schwäche von SPD und CDU auch in Baden-Württemberg nicht mehr möglich. Und so beginnt im Neuen Schloss, dem ehemaligen Wohnsitz des Herzogs von Württemberg, schon kurz nach 18 Uhr das Pokern um neue mögliche Bündnisse.

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Wenn Politik nach Kiwi schmeckt

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Neue Erkenntnisse, neue Bündnisse: Wie die Landtagswahlen das politische Deutschland verändern.

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Vor der Wahl dachten wir:

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Reuters
Julia Klöckner und die CDU schaffen das.

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Nach der Wahl wissen wir:

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Die Grünen hofften ursprünglich, die FDP zu einer Ampelkoalition bewegen zu können. Doch Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke erteilt dem schneidig eine Absage.  Damit seine Liberalen das mitmachten, dafür müsse Grün-Rot schon einen "Politikwechsel" vollziehen. Andere in der FDP, zum Beispiel der Landesvorsitzende Michael Theurer waren da, zumindest in der Vergangenheit, gesprächsbereiter.

Doch auch Parteichef Christian Lindner bremst von Berlin aus: Es existiert schließlich ein Parteitagsbeschluss der FDP Baden-Württemberg, der die Ampel mit so harten Worten ausschließt, dass Grüne und Rote schon ihre Programmatik komplett ändern müssten, um diesen zunichte zu machen. Und Lindner fürchtet, durch einen Bruch dieses Beschluss die hart erkämpfte Glaubwürdigkeit der FDP aufs Spiel zu setzen.