12 Millionen Menschen können an diesem Sonntag einen neuen Landtag wählen. Weil somit gut ein Fünftel aller deutschen Wahlberechtigten sein Votum abgeben kann, gelten die Wahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg als Stimmungstest für das ganze Land. Die wichtigsten Fragen:

Hat sich die AfD in Deutschland etabliert?

Den Zahlen nach: ja. In Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt könnte sie drittstärkste Partei werden, in Baden-Württemberg ist sie der SPD auf den Fersen. Nach diesem Wahlsonntag dürfte die AfD in acht Landesparlamenten vertreten sein, in jedem zweiten Bundesland also. Das ist mehr als die Piratenpartei je erreicht hat. Das Hoch der AfD hält auch schon lange an. Seit September nämlich, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Flüchtlinge von Budapest nach Deutschland fahren ließ und so zum Feindbild derer wurde, die sich eine restriktivere Einwanderungspolitik wünschen. Die Flüchtlingspolitik und der wütende Anti-Mainstream-Gestus trägt die AfD bis jetzt und hat sie auch die Trennung vom einstigen Gründer Bernd Lucke und dessen Anhängern unbeschadet überstehen lassen.

Was aber geschieht, wenn die Zahl der nach Deutschland kommenden Asylbewerber deutlich sinkt? Kann die AfD das dann als ihren Erfolg verbuchen oder verliert sie damit ihren Hauptantrieb? Die Antwort auf diese Frage dürfte für ihre Zukunft entscheidender sein als die Politik, die ihre Abgeordneten in den Landesparlamenten machen.

Was bedeutet die Wahl für Angela Merkel?

Die CDU muss bei allen drei Wahlen mit herben Verlusten rechnen. Langfristig noch bedeutender dürfte für die Union aber der Aufstieg der AfD sein. Merkel hat es also zugelassen, dass sich rechts von der CDU eine neue Partei etablieren konnte. Das werden ihr ihre Kritiker nie verzeihen. Einen Aufstand gegen die Kanzlerin wird es am Montag trotzdem nicht geben. Das hat damit zu tun, dass sich in der Flüchtlingskrise auf EU-Ebene ein zarter Kompromiss abzeichnet. Darüber hinaus kommen in Deutschland derzeit – dank der geschlossenen Balkanroute – kaum noch Flüchtlinge an. Geschlossene Grenzen in der EU, das wollte die Kanzlerin nie. Und doch verschaffen ihr die geringeren Zahlen eine Atempause. Auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Kanzlerin scheint wieder zu wachsen, wie jüngste Umfragen zeigen. Die Merkel-Getreuen in der CDU werden also versuchen, die Schuld für mögliche Niederlagen den Spitzenkandidaten in den Ländern zuzuschieben. Schließlich hätten die von Merkel eine weniger liberale Flüchtlingspolitik gefordert – und seien damit beim Wähler durchgefallen, so ein mögliches Erklärungsmuster am Sonntagabend.

Über wen wird am Montag sonst gesprochen?

Sollten die baden-württembergischen Grünen um Winfried Kretschmann wirklich die Sensation schaffen und die CDU überrunden, wäre das wohl Gesprächsthema Nummer eins. Haben die Grünen das Zeug zur Volkspartei auch außerhalb des Ländles? Wie wahrscheinlich werden grüne Ministerpräsidenten in Zukunft? Schon sorgt sich der linke Parteiflügel: Er muss jetzt beweisen, dass Grüne nicht nur mit einem wertkonservativen Kurs der Mitte attraktiv sind. Nun aber könnten ausgerechnet die eher linken Grünen in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sehr maue Ergebnisse einfahren.

Wenn CDU-Kandidatin Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz Ministerpräsidentin wird, würde dies auch ihren Einfluss in der Bundespartei deutlich vergrößern. Schon heute gehört die Merkel-Stellvertreterin zum CDU-Führungszirkel. Als Ministerpräsidentin würde Klöckner bei der Frage, wer einmal auf Merkel folgen soll, eine Rolle spielen. Verliert sie, dürfte ebenfalls von ihr geredet werden. Dann wäre sie eine weitere gescheiterte Nachwuchshoffnung, von denen es in der CDU schon einige gibt.

Zerlegt sich die CDU Baden-Württemberg?

Guido Wolf, der CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, war angetreten, um seine Partei zurück an die Regierung zu führen. Die grün-rote Landesregierung nach 58 Jahren CDU-Herrschaft sollte nur ein "Betriebsunfall" gewesen sein. Jetzt aber zeigt sich, dass die CDU in Baden-Württemberg sehr viele Probleme hat, auch durch die Konkurrenz der starken AfD. Wolf schaffte es nicht, sich zu profilieren, die CDU-Wähler wenden sich ab, so zumindest prophezeien es alle Umfragen. Sollte Wolf nicht doch die Verluste deutlich geringer halten, als befürchtet, dürfte seine politische Karriere zu Ende sein. Die CDU will dann in Baden-Württemberg einen neuen Politiker aufbauen. Wer wird das sein und wohin führt er die Partei?

Tritt Sigmar Gabriel jetzt zurück?

In Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg droht die SPD ausgerechnet von der AfD überholt zu werden. Nach der Wahl werden die Genossen genau auf die Statistiken zur Wählerwanderung schauen. Wie viele Stimmen verlieren sie an die AfD? Die SPD wird darüber diskutieren, wie man den Befürchtungen und Abstiegsängsten auch der eigenen Klientel in der Flüchtlingskrise künftig entgegentreten kann. Außerdem zeigt die Situation der SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt: Als Juniorpartner einer Regierung hat die SPD wenig zu gewinnen, Erfolge haben stets die Ministerpräsidenten. SPD-Chef Gabriel könnte am Montag also wieder einmal den vollen Frust der Genossen spüren, schließlich ist in einem Jahr Bundestagswahl und seine Partei hängt weiterhin im 25-Prozent-Tief. Gabriel hat aber ausgeschlossen, wegen der Landtagswahlen zurückzutreten. Ein Lichtblick könnte für ihn das Ergebnis in Rheinland-Pfalz sein, dort sind die Sozialdemokraten noch eine Über-30-Prozent-Partei und SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer liefert sich eine Aufholjagd mit CDU-Frau Klöckner.