Der Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz, Volker Wissing, vor dem Landtag in Mainz © Fredrik von Erichsen/dpa

Volker Wissing entschuldigt sich. "Hier sieht es ein bisschen aus wie in einem Camp", sagt der rheinland-pfälzische FDP-Chef und deutet auf das Durcheinander in der Geschäftsstelle der Liberalen in der Innenstadt von Landau. Die Wände sind gelb, auf dem Fußboden liegt ein abgenutzter blauer Teppich, überall stapeln sich Wahlutensilien. Eigentlich sollte das Büro ja nach der Bundestagswahl 2013 renoviert werden. Doch nachdem die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war, war dafür kein Geld mehr da. "Jetzt warten wir mal die Landtagswahl ab", sagt Wissing.

Am 13. März wird in Rheinland-Pfalz gewählt und für die FDP geht es dabei um sehr viel mehr als nur um einen neuen Anstrich für das ein oder andere Büro. Bei der letzten Wahl 2011, als das Image der Bundespartei bereits schwer ramponiert war, hatten die Liberalen den Einzug ins Landesparlament verpasst. Ein Schock für die Partei, die dem rheinland-pfälzischen Landtag seit 1947 bis auf vier Jahre durchgehend angehörte und insgesamt 38 Jahre in unterschiedlichen Konstellationen mitregierte.

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Gelingt der FDP nun der Wiedereinzug ins Parlament und vielleicht sogar die Rückkehr an die Regierung, wäre dies auch bundespolitisch ein starkes Signal. Die Chancen auf eine Rückkehr der FDP in den Bundestag im kommenden Jahr könnten steigen. Kein Wunder, dass FDP-Chef Christian Lindner im Wahlkampf gleich 60 Mal zur Unterstützung nach Rheinland-Pfalz kommt.

Eher ein asketischer Typ

Der hiesige Spitzenkandidat Wissing, ein Exbundestagsabgeordneter und Fachmann für Finanzpolitik, führt den Landesverband seit 2011. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem jovialen Genussmenschen Rainer Brüderle, der nie um einen Kalauer verlegen war, macht der schmale Wissing einen eher asketischen Eindruck. Am Arm trägt er eine Fitnessuhr, die jede Bewegung dokumentiert, auch wie lange er geschlafen hat. In letzter Zeit eher weniger. "Ich bin ein bisschen ausgezehrt", sagt Wissing. Seit er nicht mehr im Bundestag sitzt, leitet der Jurist eine Anwaltskanzlei, ein Fulltime-Job, auf den die Wahlkampfarbeit noch oben drauf kommt.

Wenn Wissing über Politik redet, dann untermauert er seine Argumentation gerne mit Zahlen, Fakten und Studien. Sich Ziele zu setzen, ohne zuvor zu prüfen, ob diese auch erreichbar sind, ist seine Sache nicht. "Dafür ist der Herr Wissing dann doch ein bisschen zu evidenzbasiert", sagt Wissing über Wissing.

Ein bisschen unnahbar

Wahlkampfreden zu halten fällt ihm leicht. Straßenwahlkampf ist dagegen weniger seine Sache. Mit verschränkten Armen und hochgezogenen Schultern steht Wissing unter dem FDP-gelben Sonnenschirm in der Landauer Fußgängerzone. Ab und zu kommen Leute und begrüßen ihn freundlich, schließlich kennt man ihn hier. Doch wer mit Wissing reden will, der muss ihn schon ansprechen.

Ziemlich unnahbar – so wirkt auch sein stilisiertes Konterfei auf den poppigbunten FDP-Plakaten, auf denen Wissing sich als "Angstgegner" anpreist oder ankündigt: "Der macht den Haushalt". Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Universität Mainz findet die Kampagne trotzdem gelungen. "Die FDP muss auffallen", sagt er. Schließlich habe sie im Land keine politische Plattform mehr, auf der sie präsent sei. Dass die Liberalen in den Umfragen nun wieder bei fünf bis sechs Prozent liegen, sei ein Erfolg, auch wenn ihr Einzug in den Landtag damit längst noch nicht ausgemacht ist.

Helfen dürfte der FDP in Rheinland-Pfalz, dass das Wirtschaftsressort dort von der Grünen Eveline Lemke geleitet wird, die sich mit dem von ihr forcierten Ausbau der Windenergie in Wirtschaftskreisen wenige Freunde gemacht hat. Und ein bisschen profitiert die FDP wohl auch von der Flüchtlingskrise, als eine AfD light gewissermaßen. Schließlich hat Lindner den Flüchtlingskurs der Kanzlerin mehrfach scharf attackiert. Es kämen immer wieder Leute an den Stand, die unzufrieden mit Merkel und der CDU seien und deswegen FDP wählen wollten, bestätigt Wissing.

Sollte die FDP es tatsächlich in den Landtag schaffen, liegt eine Regierungsbeteiligung durchaus im Bereich des Möglichen. Bisher sieht es nämlich ganz danach aus, als würde Rheinland-Pfalz nach der Wahl entweder von einer großen Koalition oder von einem Dreierbündnis regiert – entweder unter roter oder schwarzer Führung. Dass es eine Mehrheit für eine der beiden typischen Lagerkoalitionen geben könnte, also Schwarz-Gelb oder Rot-Grün, hält Faas dagegen für äußerst unwahrscheinlich.

FDP und Grüne schließen nichts aus

Eigentlich möchte Wissing zu Koalitionsfragen jetzt noch gar nichts sagen. Interessant ist aber, dass er bisher, anders als die FDP im Nachbarland Baden-Württemberg, eine Koalition mit Grünen und SPD auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen hat. Eine Fortsetzung rot-grüner Politik werde es mit der FDP nicht geben, sagte er zwar unlängst der Bild. Doch das muss ja nicht heißen, dass man nicht doch mit SPD und Grünen regieren könnte, wenn die zu entsprechenden inhaltlichen Zugeständnissen bereit wären.

Zumindest in der Bildungs- und Familienpolitik ist die FDP schon jetzt näher bei SPD und Grünen als bei der CDU. Seit Wissing als junger Vater erlebt hat, wie schlecht viele Kindergärten ausgestattet sind und wie wenig echte Förderung dort geboten wird, hat der Exfinanzpolitiker eine große Leidenschaft für das Thema frühkindliche Bildung entwickelt.

Hier müsse man eine echte Qualitätsoffensive starten, findet er. Anders als die CDU will er dafür keine Gebühren von den Eltern nehmen. "Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem Kitagebühren drinstehen", droht er schon mal in Richtung Konservative. Auch von dem von der CDU-präferierten Landesbetreuungsgeld, das Eltern erhalten sollen, die ihre Kinder selbst zu Hause beaufsichtigen, hält Wissing gar nichts. "Da krieg ich Pickel", sagt er stattdessen.

Von SPD und Grünen wird gerne auf die Ampelkoalition hingewiesen, die in der Landeshauptstadt Mainz auf kommunaler Ebene regiert und dort ganz gut funktioniere. Andererseits würde eine Zusammenarbeit mit Roten und Grünen der FDP auch schnell den Vorwurf einbringen, ihr gehe es nur um Macht und Pöstchen. Das könnte die mühsam aufgebaute Glaubwürdigkeit wieder zerstören.

Jamaica in Mainz?

Und Schwarz-Gelb-Grün, die sogenannte Jamaica-Koalition? Das sähe eher nach einem Neuanfang aus und wäre für die FDP deswegen bei Weitem die bessere Alternative. Allerdings ist sehr fraglich, ob die Grünen sich darauf einlassen würden. Schließlich haben CDU und FDP sich in den vergangenen Jahren massiv an den grünen Landesministern abgearbeitet und stellen zentrale Projekte von Rot-Grün wie etwa den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien infrage. Gleichwohl gilt auch bei den Grünen die Einsicht: Die meiste grüne Politik kann man immer noch in der Regierung machen, nicht in der Opposition. In der CDU hat man dem Vernehmen nach ebenfalls ein großes Interesse am Zustandekommen einer solchen Konstellation. So ließe sich mehr bewegen als in einem Bündnis mit den Sozialdemokraten, heißt es.

Die Koalitionsverhandlungen könnten sich nach der Wahl also ziemlich lange hinziehen, zumindest wenn es für ein Dreierbündnis eine Mehrheit geben sollte. Die Schlafbilanz auf Wissings Fitnessuhr dürfte dann noch eine Weile im Defizit bleiben.

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