Glaubt man manchem Anhänger der AfD, dann stehen Demokratie und Rechtsstaat vor dem Zusammenbruch. "Es gibt keine wirkliche Opposition mehr", klagt ein Mann Anfang 40, Mitarbeiter eines Autohauses, unter einer Straßenlaterne im Magdeburger Süden. Auf dem Gehsteig diskutieren dort die Besucher, was im gerade beendeten Wählerforum zur Landtagswahl in der nahe gelegenen Kindertagesstätte nicht gesagt wurde.

Als der Wahlkampf-Lkw von Katrin Budde, SPD-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, davon fährt, legt der Mann richtig los. Keinen habe gestört, dass Budde "mit dem Dienstwagen, einem Audi A8, in den Urlaub gefahren ist, samt Fahrer". Und das, obwohl die Parlamentarier ihre bereits üppigen Diäten noch mit Aufsichtsratsvergütungen aufbesserten. Und dann erst die Flüchtlinge, die sich hierzulande ein besseres Leben erschleichen wollten, wo doch schon so viele Deutsche von Hartz IV leben. "Wenn die an der Grenze ankommen, ohne Pass, aber das Smartphone schon in der Tasche, dann müssen sie zurück", fordert der Mann. Asylrecht hin oder her.

Das atemlose Klagen über Kontrollverlust, Korruption und die Flüchtlingskrise – das ist auch der Dreiklang, mit dem AfD-Landeschef André Poggenburg in Sachsen-Anhalt Wählerstimmen sammelt. Viel muss der 41-Jährige aus dem Burgenlandkreis nicht tun, die Umfragewerte stiegen in den vergangenen Wochen wie von selbst auf 19 Prozent. Die AfD liegt nun gleichauf mit der SPD. "Die Flüchtlingskrise spielt für uns", sagt Poggenburg.

AfD - "Ihr werdet uns nicht aufhalten!“ Die AfD legt in Umfragen zu, bei Landtagswahlen könnte sie hervorragende Ergebnisse erzielen. Ein Politikwissenschaftler zu den Gründen

Am Wahlabend könnten die Rechtspopulisten in Sachsen-Anhalt zur drittstärksten Kraft hinter CDU und Linken werden. Poggenburgs Partei profitiert auch vom Märtyrereffekt: Zur Spitzenkandidatenrunde am Montagabend lud das MDR-Fernsehen nur die im Landtag vertretenen Parteien ein – die Spitzenleute von CDU, Linken, SPD und Grünen. FDP-Frontmann Frank Sitta und die AfD blieben außen vor. "Die Menschen merken, dass man uns benachteiligt und unterstützen dann gerade uns", sagt Poggenburg.

Eine neue Partei für Politikfrustrierte

Ähnlich wirken sich die Angriffe linker Aktivisten aus. Diese würden AfD-Wahlhelfer verprügeln, ihre Fahrzeuge demolieren, Kandidaten auf Plakaten reihenweise Hitlerbärtchen anmalen und Poster abreißen, beklagt Poggenburg. Das seien Zustände wie im Vorfeld der Weimarer Republik. Doch der linke Widerstand stärke die Partei nur. "Das alles pusht uns, das ist wie Werbung."

Eine Partei, die selbst am Widerstand ihrer Gegner wächst – das ist der Worst Case für CDU, SPD und Linke. Ihre Wahlkampfmanager rätseln seit Monaten, wie den Rechtspopulisten beizukommen ist, denen die Otto-Brenner-Stiftung ein Wahlprogramm voller "völkischer, nationalistisch-identitärer und rechtspopulistischer Inhalte und Rhetoriken" bescheinigte. Welche Botschaft ist die richtige, um abtrünnige Wähler zurückzuholen? Die AfD brandmarken und ausgrenzen? Sie entzaubern oder gar einbinden?

Gewählt wird die AfD nicht für ihr Programm, sondern aus Protest gegen die Etablierten, die die Macht angeblich untereinander aufteilen und sich gegenseitig decken. Bei den Landtagswahlen von 2014 hatte die AfD von allen anderen Parteien Stimmen abgezogen: Nicht nur CDU und SPD verloren stark, am meisten verlor die Linke, die als tradiertes Sammelbecken politikfrustrierter Menschen ausgedient hatte. Jüngst fanden Demoskopen heraus, dass vor allem unter 30-Jährige die AfD toll finden. Das bedeutet: Brandmarken ist keine Lösung. "Die Ausgrenzung der Alternative für Deutschland ist ein Rohrkrepierer. Das bringt überhaupt nichts", sagt der Wahlforscher Matthias Jung. Das zeigte sich auch in der TV-Runde des MDR: Die AfD war dauerpräsent – als Thema.      

Die CDU versuchte im Wahlkampf zunächst, die AfD als harmlos darzustellen. Fraktionschef André Schröder hatte sie als demokratisch bezeichnet, Innenminister Holger Stahlknecht nannte sie kürzlich bürgerlich, Ministerpräsident Reiner Haseloff adelte sie jüngst mit der Einschätzung, 70 Prozent ihres Programms sei "volksparteinah". Als das die Umfragewerte weiter sinken ließ, schaltete die CDU um auf feindliche Übernahme: Um sich über der 30-Prozent-Marke zu halten, forderte Haseloff fortan eine nationale Obergrenze für Flüchtlinge. Er nennt sie zwar moderat "Integrationsobergrenze". Damit setzt sich Haseloff aber trotzdem deutlich von CDU-Bundeschefin Angela Merkel ab, die eine deutsche Obergrenze vehement ablehnt und für europaweit ausgehandelte Kontingente wirbt. Er sei nicht gegen Merkel, beteuert Haseloff auffällig oft, per SMS stehe er mit der Kanzlerin in regem Austausch. "Das Problem ist aber, dass die europäische Lösung noch nicht in Sichtweite ist." Deutschland sei in dieser Frage isoliert und müsse erst wieder zu Europa hinzustoßen. Deutschland in Europa isoliert? Das sind genau die Worte von Haseloffs Angstgegner Poggenburg, der sich als Flüchtlingsgegner mit Staaten wie Ungarn und Frankreich im Bunde sieht. "Was die AfD will, das vertritt ein Großteil der Länder in der EU", sagt Poggenburg.