24 Abgeordnete der AfD werden ins neue Parlament in Sachsen-Anhalt einziehen. So viele, dass auch Kandidaten dabei sind, die auf eigentlich recht aussichtslosen Plätzen der Landesliste standen, wie etwa der Student der Geschichtswissenschaft, Marcus Spiegelberg, Listenplatz 19.

Einige der künftigen Abgeordneten haben politische Erfahrung – in Ortschaftsräten, Stadt- und Kreisverbänden. Die meisten haben auch einiges an Berufsjahren außerhalb der Politik hinter sich. Sie verdienten bisher ihr Geld als Karosseriebaumeister, Angestellte, Binnenschiffer, Polizisten, Immobilienhändler, Steuerberater oder im Landesdienst. 

So soll es nach dem Willen der AfD auch sein. Die Satzung der Partei sieht vor, dass Parteimitglieder mindestens fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen sollen, bevor sie für einen Parlamentssitz kandidieren. So steht es unter dem Abschnitt "Wider das Berufspolitikertum" in Paragraf 19, Absatz 5 der Parteiordnung. Beschlossen auf dem Parteitag am 29. November 2015 in Hannover.

Die AfD verachtet Politiker, die nie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben. Ihre Protagonisten lassen kaum eine Gelegenheit aus, lautstark darauf aufmerksam zu machen, wie sehr ihr reine Politikerkarrieren zuwider sind. Bei der AfD soll es anders sein.

In Sachsen-Anhalt jedoch zeigt sich, dass der Partei ihre eigenen mit so viel Verve vorgetragenen Grundsätze doch nicht so wichtig sind, wenn es darauf ankommt: Denn einige der AfD-Kandidaten, die bald im neuen Landtag sitzen, erfüllen diese nicht:

Darunter ist der erwähnte Geschichtsstudent Marcus Spiegelberg, der mit 31,8 Prozent als Direktkandidat für Weißenfels in den Magdeburger Landtag einzog. Er hat ebenso wenig fünf Jahre Berufserfahrung wie Jan Schmidt, der Betriebswirtschaftslehre studiert und seit 2014 mit mehreren Einzelhandelsfilialen selbstständig ist. Das Landesvorstandsmitglied Daniel Roi, der während seines Agrarstudiums zeitweise in einer Schweinezuchtanlage und einem Milchviehbetrieb arbeitete und für das Dessauer Landwirtschaftsamt tätig war, hat insgesamt erst zwei Jahre gearbeitet. Die Architektin Sarah Sauermann kommt nur auf fünf Jahre, wenn man ihren Nebenjob während des Studiums mit einrechnet, bei dem Immobilienunternehmer Tobias Rausch sind es vier echte Berufsjahre. Damit ist gemeint: Beschäftigung nach der Ausbildung – so rechnet die AfD selbst. 

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Nun ließe sich einwenden, dass die neue Satzung, in dem sich die AfD vom "Berufspolitikertum" distanziert, erst beschlossen wurde, als die Kandidaten für die Landtagswahl schon feststanden. So argumentiert auch die Landesverbandsspitze um André Poggenburg. Und der AfD-Pressesprecher in Sachsen-Anhalt, Matthias Lieschke, sagt: "Das ist eine Kann-Bestimmung und damit keine zwingende Voraussetzung für eine Kandidatur." Lieschke sieht auch für künftige Wahlen keine Notwendigkeit, die Auswahl der Kandidaten danach auszurichten.

In der Tat heißt es in der Satzung "sollen (…) tätig gewesen sein". Angesichts der Empörung, die Vertreter der AfD aber regelmäßig über Politiker äußern, die gleich nach dem Studium in ein Parlament einzogen, stellt sich aber die Frage, welcher Teil der Parteikommunikation nun unehrlich war: die Skandalisierung des Verhaltens der anderen oder das Lobpreisen der eigenen Grundsätze?   

Auch in anderen Landesverbänden nimmt man letztere nicht allzu ernst: Baden-Württembergs Landessprecher Jörg Meuthen hat sich mit der Frage noch nie befasst. "Das muss ich mal checken, das habe ich nicht geprüft", sagte er ZEIT ONLINE am Tag nach der Wahl. Dabei hatte sein Landesverbandskollege Marc Jongen zum Bundesparteitag im November noch gewarnt, wenn die Partei ihren Kandidaten fünf Jahre Berufserfahrung verordnet, würden Bewerber von der Landesliste fliegen. Meuthen sagte, er glaube nicht, dass jemand seine Liste daraufhin geprüft habe. 

Für eine Partei, die vor allem damit wirbt, glaubwürdiger und ehrlicher zu sein als die etablierte Konkurrenz (AfD-Jargon: "Alt-" oder "Kartellparteien") ist das eine gefährliche Situation.

Schon auf der Party am Wahlabend in Magdeburg war die Furcht vor solchen Brüchen zu spüren. Aufgrund des unerwarteten Wahlerfolgs ist der Personalbedarf groß: Der neuen Fraktion wird ungefähr jedes elfte der etwa 300 AfD-Mitglieder im Land angehören. Jobs sind zu vergeben, von Staatsgeld finanziert, was Begehrlichkeiten wecken wird. "Zehn oder zwölf Abgeordnete hätten auch gereicht fürs Erste", sagt eine Unterstützerin an einem der Stehtische.

Mitarbeit: Lenz Jacobsen, Valerie Schönian

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