Unverwechselbar, allein schon die Stimme, der schwäbische Tonfall, die Hektik. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, sich um korrektes Hochdeutsch zu bemühen, sich zu verbiegen, zu zähmen, zu bändigen, weil es in der Politik doch ums Image geht. Image war ihm egal.

Lothar Späth, Jahrgang 1937, in Sigmaringen geboren, aus einer kleinen Familie – der Vater hatte eine Samenhandlung – und selbst ein kleiner Verwaltungsbeamter ohne Abitur, ohne Studium, war von einer auffälligen Unauffälligkeit sondergleichen. Dreizehn Jahre immerhin regierte er das Musterländle Baden-Württemberg, von 1978 bis 1991, immer mit absoluter Mehrheit wiedergewählt. 1989 konnte es für einen Moment sogar so scheinen, als wolle er ernsthaft Helmut Kohl aus dem Amt drängen und sein Nachfolger als Bundeskanzler werden. Kohl zählte ihn zu den "Frondeuren", den "Verrätern", die damals seinen Sturz planten. Späth zuckte zurück, der Aufstand brach in sich zusammen. Kohl verzieh ihm nie.

Ich hätte ihm das Kanzleramt zugetraut. Mein Späth-Bild gewann ich in den frühen 1970er Jahren. Damals, als journalistischer Novize in Bonn, mit Willy Brandt als Kanzler an der Spitze einer sozialliberalen Koalition, erschien unsereins die CDU verbraucht, müde, irgendwie aus der Zeit. Späth, hieß es seinerzeit, den müsse man kennenlernen, diesen schwäbischen Wirbelwind, keine Spur unmodern, das sei ein Mann mit Zukunft. Weit war er noch nicht gekommen, gerade hatten ihn die Abgeordneten an die Spitze der Landtagsfraktion gewählt.

In Bietigheim habe ich ihn das erste Mal besucht, in dem Städtchen, in dem er ein paar Jahre als Bürgermeister amtierte. Adrett, bescheiden, solide, so wohnten die Späths. Aber wie recht alle hatten, die meinten, er verkörpere eine andere CDU. In der Bundesrepublik sprossen in den 70er Jahren die Bürgerinitiativen aus dem Boden, das Bedürfnis wuchs, mitzureden in der Politik, sich einzumischen, vor allem wenn es um Atomkraftwerke oder ökologische Fragen, die Zukunft der Lebenswelt ging. Dieser Lothar Späth, das sollte sich schnell zeigen, hörte das Gras wachsen. Vielleicht gehöre die Zukunft ohnehin nicht den Parteien? Graswurzeldemokratie – das Wort gefiel ihm.

Nicht Angst machten ihm die jungen Leute, die sich einmischen wollten. Zuhören müsse man ihnen, predigte er. Sie hätten bestimmt was Richtiges am Wickel. Die Unternehmen im Land, nicht nur Mercedes, Porsche und Bosch, auch die mittelständischen, sollten auch zuhören, riet er, Fortschritt sei nicht gleich Fortschritt, man müsse dem Neuen immer auf der Spur bleiben. Und die kleinen Leute, die dürfe man ebenfalls nicht vergessen.

Parteilinien waren ihm egal

So hielt es Lothar Späth selbst, und so wurde er 1978 zum Nachfolger von Hans Filbinger gewählt, den endlich seine Vergangenheit als Marinerichter in den Nazijahren eingeholt hatte und der deshalb zurückgetreten war. Manfred Rommel, der andere junge Mann, mit einem großen Namen, ein Ausnahmetalent, unterlag gegen Späth. Auch er zählte mit seiner Selbstironie zu jener kleinen christdemokratischen Kohorte der man zutraute, ihre Partei mit der Moderne zu versöhnen.

Als Regierungschef blieb Späth seinen Anfängen treu: Er quoll vor Ideen über, er war nicht klassischer Parteimensch, schon gar nicht Parteisoldat, sogar mit Sozialdemokraten wie Erhard Eppler verstand er sich in gewisser Weise. Beide liebten sie das Diskursive, den Streit mit Argumenten, mit der Nase im Wind. Späth hatte, anders als der Kanzler Helmut Schmidt, nichts dagegen, wenn Politikern Fragen gestellt wurden, auf die sie noch keine Antworten hatten. Und anders als Helmut Kohl verstand er die eigene Partei auch nicht als Wagenburg. Parteilinien waren ihm herzlich schnuppe. Vielleicht verhalf ihm gerade das zu den breiten Mehrheiten.

Zur CSU hielt er trotz des süddeutschen Konservatismus, ohne den in der Stuttgarter Villa Reitzenstein, dem Regierungssitz, keiner überlebt, angemessene Distanz. Wohl deshalb nahm man ihn – neben Heiner Geißler, Rita Süssmuth, Ernst Albrecht, Kurt Biedenkopf – als eine Kontrastfigur zu Helmut Kohl wahr. Die er ja auch war.

Bietigheim als Lebensform

Ob ihn aber nicht der Ruf des Provinzlers eingeholt hätte, wäre er wirklich Kanzler geworden in jenen Zeiten, in denen der Modernisierungsflügel der Christdemokraten an Kohl fast verzweifelte? Ich bin mir nicht sicher. Bietigheim als Lebensform – das blieb an ihm gewiss haften. Im Land krempelte er viel um, in der Wirtschaft, soweit sein Einfluss reichte, auch an den Universitäten. Die Nähe zu den Topmanagern und Unternehmerbossen mit den Spitzengehältern, die dem Ministerpräsidenten ihre Flugzeuge und Traumschiffe zur Verfügung stellten, stieg ihm allerdings wohl zu Kopf. Wegen dieser Nähe jedenfalls musste er 1991 als Regierungschef gehen.

Aber Lothar Späth erfand sich neu: An der Spitze von Jenoptik in Jena tauchte er nach kurzer Bußfrist wieder auf, quirlig wie eh und je, moderierte Talkshows und schrieb Bücher, und immer drehte es sich um dasselbe Thema: Der Zukunft auf die Spur kommen, den Anschluss an die Jetztzeit und ans Morgen nicht verpassen! Den Managern Beine machen, den jungen Leuten ebenso, dem technischen Fortschritt vertrauen, aber nie vergessen, dass das nichts Statisches ist.

In Jena habe ich ihn noch einmal besucht, es war wie damals in Bietigheim, er strahlte Zuversicht aus, kein Zweifel für ihn, dass die Einheit geglückt und der Osten auf gutem Weg sei. In seinem kleinen Reich ließ er sich nicht hineinreden. Hier oben im Turm bei Jenoptik war Späth auf seine Weise wieder König. Nun ist er mit 78 Jahren gestorben.