Hier sollten Flüchtlinge untergebracht werden: Ausgebranntes Gebäude im sachsen-anhaltinischen Tröglitz ©Hendrik Schmidt/dpa

In Sachsen-Anhalt hat die Zahl rechter Gewalttaten im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht: Die Mobile Opferberatung registrierte 217 rechtsmotivierte Angriffe, das waren mehr als doppelt so viele wie 2014. Damals hatte die Beratungsstelle bereits 103 Gewaltdelikte gezählt. Das geht aus der aktuellen Jahresbilanz hervor, die ZEIT ONLINE vorliegt.

"Seit der Gründung unserer Beratungsstelle vor fast 15 Jahren haben wir noch nie so viele Fälle rechter und rassistischer Gewalt registriert wie 2015", sagt die Sprecherin der Opferberatung, Zissi Sauermann. Mehr als 80 Prozent der Fälle seien Körperverletzungsdelikte: Flüchtlinge würden im Supermarkt, in der Straßenbahn oder auf offener Straße angegriffen. "Auch in Sachsen-Anhalt gibt es ein dramatisches Problem mit Rassismus", sagt Sauermann.

Besonders eklatant war die Entwicklung laut der Beratungsstelle im vergangenen Jahr in Halle. Allein dort ereigneten sich demnach 68 Angriffe – mehr als dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Ein erheblicher Teil davon habe sich gegen Roma-Familien aus Rumänien im Stadtteil Halle-Silberhöhe gerichtet.

Polizeistatistik zählt viele Fälle nicht als rechts

Die Beratungsstelle führt den Anstieg auch auf eine Hetzkampagne der rechtsextremen Brigade Halle im Internet und bei Kundgebungen zurück. Die Neonazi-Kameradschaft war dem Verfassungsschutz erstmals im Herbst 2014 bei einer Hogesa-Demonstration in Hannover aufgefallen.

Ähnlich drastisch stieg die Zahl der Angriffe in Magdeburg, dort ereigneten sich laut Opferberatung 42 Angriffe und damit fast viermal so viele wie im Vorjahr.

Die Beratungsstelle kritisiert, dass das Innenministerium Sachsen-Anhalt viele der Fälle in der offiziellen Statistik nicht als rechtsmotiviert einstuft. So läuft beispielsweise der Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz in der Kategorie "Sonstige". "Angesichts der monatelangen rassistischen Mobilisierung gegen eine Flüchtlingsunterbringung in Tröglitz ist das absolut unverständlich", sagt die Sprecherin der Opferberatung.

Das gelte auch für die Angriffe auf Roma in Halle, die bisher ebenfalls in der offiziellen Statistik rechter Gewalt fehlten. "Es gab aber gar keinen anderen Grund, diese Menschen anzugreifen", sagt Sauermann. Sie spricht von einem "erschreckenden Wahrnehmungsdefizit" der Strafverfolgungsbehörden in Sachsen-Anhalt.

Mehr Taten, aber nicht mehr Hilfe

Trotz der Explosion der Fallzahlen fehlt es laut der Beratungsstelle an Hilfen für die Opfer. "Wir können inzwischen nicht mehr alle Betroffenen unterstützen", sagt Sauermann. Dazu fehlten der Beratungsstelle ganz einfach die Ressourcen. Denn während sich die Zahl der Angriffe verdoppelt habe, seien die Mittel für die Opferberatung bisher kaum erhöht worden. Sauermann: "Die Betroffenen rechter Gewalt werden von den politischen Entscheidungsträgern alleingelassen." Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat zwar gerade erst zusätzliches Fördergeld versprochen. Doch wie viel davon bei der Mobilen Opferberatung in Sachsen-Anhalt ankommen wird, ist noch unklar.

Auch die Opferberatungsstelle RAA in Sachsen hatte einen massiven Anstieg rechter Gewalttaten im vergangenen Jahr beklagt. Der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz warnte kürzlich vor einer "Pogromstimmung, die eine kreuzgefährliche Intensität bekommt".