Eine Lehre hat die SPD aus ihrem desaströsen Abschneiden bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt schnell gezogen: Opposition mag zwar "Mist" sein, als Juniorpartner aber kann es richtig gefährlich werden. Egal, wie gut die Regierungsbilanz ist.

Beispiel Baden-Württemberg: Hier verlor die SPD im Vergleich zur Wahl 2011 fast 234.000 Stimmen an die Grünen. Deren Wahlkampf war voll auf ihren beliebten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zugeschnitten, zu dessen Beliebtheit dann auch Regierungserfolge der SPD beitrugen. Da sind sich die enttäuschten Genossen sicher. In Sachsen-Anhalt verlor die SPD die zweitmeisten Stimmen an den großen Partner von der CDU. Noch mehr Menschen wanderten nur ins Lager der Nichtwähler ab.

Entsprechend ist die Stimmung am Tag nach den drei Landtagswahlen. Wenigstens der Erfolg von SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz zeige, dass "sich gute Politik lohnen kann", schnoddert ein nicht gerade gut gelaunter Parteichef Sigmar Gabriel in der Berliner Parteizentrale in die Kameras. Schnell ist er wieder weg: Gabriel hat keine Lust auf Nachfragen von Journalisten. Die Stimmung in der Präsidiumssitzung am Morgen sei "durchwachsen" gewesen, ist zu hören.

In der SPD fragen sie sich, wie es weitergehen soll. In anderthalb Jahren ist Bundestagswahl: Auch in Berlin ist die SPD Juniorpartner und wird eher selten für Regierungserfolge gelobt. Auch in Berlin fehlt ihr nach Ansicht vieler Genossen eine charismatische Führungspersönlichkeit. Gabriel hält zwar trotz vielen Gegenwinds durch und steckt auch Niederlagen wie seine 74-Prozent-Wiederwahl als Parteichef im Dezember weg. Er denke nicht an Rücktritt, sagt er in Interviews. Doch von dem Hoffnungsträger aus 2009, der den Genossen versprach, als guter Sozialdemokrat künftig dahin gehen zu wollen, wo es "manchmal auch stinkt", ist nicht mehr viel übrig. Die SPD hängt in Umfragen zwischen 23 und 26 Prozent fest. Und Gabriel hat als Parteivorsitzender und Vizekanzler nicht nur in der Flüchtlingspolitik einen Ruf als Mr. Zickzack. Wie soll das nur im Bundestagswahlkampf werden?

Ach Sanders!

Voller Neid und Sehnsucht blicken einige Sozialdemokraten auf den Erfolg des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Bernie Sanders in den USA und den Hype um den neuen Labour-Parteichef Jeremy Corbyn in Großbritannien: So sollte mal wieder einer der ihren bejubelt werden. Doch der Blick auf das eigene Personal und damit potenzielle Kandidaten an der SPD-Spitze dürfte schnell für Ernüchterung sorgen. Würden Andrea Nahles oder Manuela Schwesig, würde ein Martin Schulz oder Frank-Walter Steinmeier die Massen begeistern? Gabriel wird nicht geliebt, aber als Kanzlerkandidat für 2017 ist er derzeit konkurrenzlos.

Ohne personelle Alternative hat sich die SPD daher nun vorgenommen, in der Koalition inhaltlich sichtbarer zu werden – nicht zum ersten Mal. Die Sozialdemokraten wollen das milliardenschwere Sozialpaket für sozial schwache Deutsche durchsetzen, das Gabriel kurz vor den Landtagswahlen vorgeschlagen hat. Die Union hat zwar bereits ihre Ablehnung verkündet, die SPD will in den kommenden Haushaltsberatungen aber die oft geforderte Haltung zeigen. "Wir werden den sozialen Zusammenhalt in den Fokus stellen, sichergehen, dass keiner gegeneinander ausgespielt wird", sagt SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel. Ähnlich formuliert es SPD-Generalsekretärin Katarina Barley: "Die SPD tritt für alle sozial Schwachen ein, für Flüchtlinge und Deutsche. Wenn die CDU hier bei dringend notwendigen Investitionen weiter bremst, spielt sie damit nur der AfD in die Hände." Und die Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann findet: "Die SPD sollte in der Koalition endlich mal klare Bedingungen an die Union stellen. Die Umsetzung des Solidarpakets ist für mich so eine, die Verbesserung bei Rente, Leih- und Zeitarbeit genauso."

Dass die SPD mehr Haltung zeigen müsse, dieser Satz ist am Montag häufig aus der Partei zu hören. Doch ob diese Haltung im Extremfall auch bis zum Koalitionsbruch bewahrt werden soll, lassen die Funktionäre offen. Eher nicht, wäre die ehrliche Antwort. Somit reicht es nicht zu mehr als zum nächsten Koalitionsstreit. Will die SPD damit aus der Krise?

"Es geht doch nicht nur um Geld, um soziale Abstiegsängste, die Ursache der europäischen Krise der Sozialdemokratie liegt viel tiefer", sagt Thomas Seibert, der für das Institut für Solidarische Moderne (ISM) seit Jahren über neue linke Politik und Bewegungen nachdenkt. "Die Leute fühlen sich bevormundet von einer Politik, die ihnen oft als alternativlos verkauft wird. Insofern macht es die AfD sehr geschickt: Das sind zwar keine Demokraten, aber sie bedienen ein Demokratiebedürfnis, das die Menschen haben."