Selten hat es bei Landtagswahlen so starke Wählerbewegungen gegeben wie am gestrigen Sonntag. Die Wähler in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben den Parteien in ihren Ländern ganz neue Koalitionsoptionen ermöglicht, sie aber auch damit vor komplizierte Verhandlungen gestellt. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Bewegungen zu werfen. Dazu haben wir die Nachwahlbefragungen von infratest dimap ausgewertet und grafisch aufgearbeitet.   

Wählerwanderungen in Baden-Württemberg

So änderte sich das Stimmverhalten bei der Landtagswahl 2016 im Vergleich zu 2011

In Baden-Württemberg gelang es dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, sehr viele Stimmen vom kleineren Koalitionspartner SPD herüberzuziehen – mit dem fatalen Ergebnis, dass es für eine Fortsetzung von Grün-Rot jetzt nicht mehr reicht und er sich nach einem neuen Koalitionspartner umschauen muss. Viele von ihnen dürften zum Lager der rot-grünen (hier besser: grün-roten) Wechselwähler gehören, die vor allem sicherstellen wollten, dass Kretschmann vor der CDU landet. Die SPD verlor aber auch 90.000 Wähler an die AfD, und landete ausgezehrt mit nur noch 12,7 Prozent auf dem vierten Platz.

Die Grünen erhielten auch viele Stimmen von früheren CDU-Wählern. Das könnte ein Beleg dafür sein, dass es den Grünen unter Kretschmann mit ihrer sehr wertkonservativen Politik tatsächlich gelungen ist, breit ins Stammlager der Union einzubrechen. Zum anderen haben wohl selbst CDU-Anhängern Kretschmann für den besseren Ministerpräsidenten gehalten als ihren eigenen Spitzenkandidaten Guido Wolf. Umgekehrt gab die CDU auch viele Wähler an die FDP und vor allem die AfD ab. Das alles zusammen führte zu ihrem deutlichen Verlust im Südwesten.

Am interessantesten ist der Bereich der Nichtwähler: Die AfD holte sich von dort in Baden-Württemberg mehr als 200.000 Stimmen, vermutlich von Bürgern, die aus Protest bisher nicht zur Wahl gegangen waren und die in der AfD nun ein Sprachrohr für ihren Unmut über die Flüchtlingspolitik sehen. Das führte auch zu einer höheren Wahlbeteiligung. Dazu gewann die AfD Stimmen von anderen kleineren, zum Teil rechtsextremen Parteien, vor allem aber die Stimmen aus dem Lager aller etablierten Parteien. Sogar von den Grünen holte die Partei 70.000 Stimmen.  

Die Nichtwähler waren übrigens gleichzeitig auch eine bedeutende Ressource der Grünen: 186.000 Wähler, fast so viele wie die AfD, holte die Kretschmann-Partei von dort.

Wählerwanderungen in Rheinland-Pfalz

So änderte sich das Stimmverhalten bei der Landtagswahl 2016 im Vergleich zu 2011

In Rheinland-Pfalz gibt es ein ähnliches Muster. Hier ist es die SPD von Malu Dreyer, die dem grünen Koalitionspartner viele Stimmen wegnahm, sodass es für Rot-Grün allein jetzt nicht mehr reicht. Vermutlich wollten viele Grünen-Anhänger, dass Dreyer und nicht ihre CDU-Konkurrentin Julia Klöckner Ministerpräsident bleibt und wählten deshalb diesmal SPD. Die CDU blieb unter ihren Möglichkeiten, was womöglich auch am Wackelkurs von Klöckner in der Flüchtlingspolitik lag. Auch in Rheinland-Pfalz holte sich die AfD die meisten Stimmen aus dem Reservoir der Nichtwähler, aber auch von früheren Wählern von CDU, SPD und der Linken.

Die FDP lebt wie früher auch von Stimmen aus dem Lager der CDU. Vor allem das hat ihr in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz über die Fünfprozenthürde verholfen.

Wählerwanderungen in Sachsen-Anhalt

So änderte sich das Stimmverhalten bei der Landtagswahl 2016 im Vergleich zu 2011

In Sachsen-Anhalt, wo die AfD mit 24,2 Prozent ihr bestes Ergebnis holte, ist dieser Effekt am stärksten: Mehr als 100.000 Stimmen bekam sie aus dem Lager der Nichtwähler, 54.000 von anderen kleineren Parteien, dazu in größerer Zahl Stimmen von CDU, SPD und auch den Linken. Der Linkspartei dürfte es zu denken geben, dass so viele ihrer Wähler nach rechts abwandern. Waren das Proteststimmen, die bei der Linken nur geparkt waren? Oder gibt es verborgene Überschneidungen in der Programmatik? Fraktionschefin Sahra Wagenknecht spricht sich ja ebenfalls für Abschiebungen aus.


Landtagswahlen - Parteienforscher bezweifelt dauerhaften Höhenflug der AfD Bei der Bundestagswahl 2017 wird die AfD noch Chancen haben in den Bundestag einzuziehen, so der Politikwissenschaftler Gero Neubauer. Jedoch nicht mehr mit einem zweistelligen Ergebnis.