Welches Deutschland wollen wir? Ein Deutschland, das sich seiner großen Leistungen im Ensemble der Völker bewusst wird und bewusst bleibt, das seine unverwechselbare Identität sucht und bewahrt, ohne andere abzuwerten. Ein Land, das in Erinnerung behält, welchen schrecklichen Zivilisationsbruch es mit Judenvernichtung und Weltkrieg, mit rassistisch-nationalistischer Selbstüberhebung und Verachtung insbesondere alles " Slawischen" auf eine im Nachhinein betrachtet unbegreifliche Weise hinter sich hat.

Ein Land, das mit Hilfe der Sieger in einem längeren Prozess nach 1945 von seinem Wahn befreit wurde,  seine Lektion – mühsam genug! – gelernt  hat und sich selbst in den Verfassungsgrundsätzen von Artikel 1 bis 20 des Grundgesetzes an die elementaren Menschenrechte gebunden hat. An nichts Geringeres als an die allgemeinen Menschenrechte! Immer neu zu erringen und praktisch zu bewähren. So heißt es im Artikel 1, Absatz 2: "Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt." 

Deutschland ist also Teil einer Weltgemeinschaft, die sich als eine Wertegemeinschaft versteht. Die zwölf Schreckensjahre der Naziherrschaft waren eben nicht mit dem Stichwort "zwölf Unglücksjahre" einer ansonsten grandiosen deutschen Geschichte abzutun, sondern das war ein Höllenschlund, den eine so großartige Kulturnation mit ungeheurer Wucht  aufgerissen hatte.

Aber deswegen können und brauchen wir Deutschen unsere deutsche Identität nicht aufgeben, können und müssen anschließen an das große philosophische, kulturelle, wissenschaftliche, technische, menschliche Erbe Deutschlands – ohne jede Selbstüberhebung. Und mit einer Offenheit, wie sie uns Lessing insbesondere mit Nathan dem Weisen vorgehalten und selber vorgemacht hat, aufzeigend wie zerstörerisch und wie unwahr Vorurteile sind.  

Was wollt ihr?

Die Einwanderung Hunderttausender Flüchtlinge seit etwa einem Jahr aus kriegsgebeutelten Gegenden wie Syrien, dem Irak und Afghanistan, ist eine riesige Herausforderung für uns Deutsche wie für ganz Europa. Es steht viel auf dem Spiel – nicht zuletzt die europäische Idee der Zusammengehörigkeit aller, des Friedens und der Sicherheit für alle und der Solidarität nicht nur untereinander. Wir können das schaffen, wenn wir uns zugleich ohne Angst klarmachen, welch eine riesige Integrationsleistung die Zugewanderten wie auch die Einheimischen zu erbringen haben. Dass es dabei auch Befürchtungen, ja begründete wie eingeredete Ängste gibt, dass Ressentiments sich verstärken können und Vorurteile gedeihen, lässt sich nicht von einem Standpunkt "höherer Moral" wegreden.

Zugleich aber muss möglichst jedem Bürger der Bundesrepublik Deutschland klar werden, was auf dem Spiel steht und welch ein großartiger Glücksfall es war, dass wir obrigkeitshörigen, anderen gegenüber überheblich und bedrohlich aufgetretenen Deutschen, so ein wichtiger und guter Partner in Europa und in der Welt geworden sind, so dass gar Deutschland als eines der beliebtesten Länder der Welt gilt.

Nun ist eine rechtspopulistische Partei aus dem Stand auf zweistellige Ergebnisse gekommen. Das muss beunruhigen, aber nicht in Panik versetzen. Ganz falsch wäre es, diesem Trend nachzulaufen oder zurückzuweichen. Vielmehr sind die Repräsentanten der AfD in den demokratischen Disput zu stellen: Was wollt ihr und was wollt ihr dafür tun? Welche Folgen hätte das?

Ganz fatal wäre es, all die Bürger aufzugeben, die sich als besorgte Bürger verstehen. Es gilt zuzuhören, zurückzufragen, Position zu beziehen, wieder erkennbare Grundsätze in praktische Politik zu übersetzen. Und nicht abgehoben sein. Im Parlament ist in einer repräsentativen Demokratie der Volkswille versammelt, der aufgrund unserer Verfassungsgrundsätze Ausdruck findet und im Streit miteinander um die beste Lösung kompromissfähig ringt.

Landtagswahlen - Soll man die AfD ausgrenzen? Jetzt sitzt die AfD also in drei weiteren Landtagen. Andere Parteien dürften sie nicht länger ignorieren, sagen viele. Wirklich nicht?