Winfried Kretschmann in Aalen © Thomas Lohnes/Getty Images

In Aalen-Fachsenfeld spielt eine Blaskapelle. Die jungen Musiker schwitzen unter ihren tannengrünen Einheitssakkos. Manche Besucher in der kargen Sport- und Festhalle tragen Filzjanker. Samstagmorgen, es gibt Weißwurst mit Bretzeln. Wahlkampf der CSU im nahen Bayern würde kaum anders aussehen.

Nur, dass dies hier das grün-regierte Baden-Württemberg ist. In dem 3.600 Einwohner zählenden Stadtteil wird gleich Ministerpräsident Winfried Kretschmann auftreten. "'Nen Linken würde ich niemals wählen", sagt ein Besucher, gepflegter Wollpulli, graue Haare, randlose Brille. Seinen Namen will er lieber nicht nennen, schließlich kennt man sich hier auf der Schwäbischen Alb. Früher habe er stets für die CDU gestimmt. 

Die CDU vor ihrer größten Demütigung

Vor der Landtagswahl am 13. März deutet sich im Ländle eine Zeitenwende an: Nicht nur hat die CDU, die hier 58 Jahre lang am Stück regierte, vor fünf Jahren die Macht verloren. Jetzt könnten die Grünen auch noch stärkste Partei werden. Zwei Umfragen zur Landtagswahl sehen CDU und Grüne bei jeweils 30 Prozent, ein Kopf-an-Kopf-Rennen – mit leichtem Vorteil für Kretschmann.

Für die Christdemokraten wäre das die größte anzunehmende Demütigung. Bei ihrer Abwahl 2011 lag die CDU mit ihrem historisch schlechtesten Ergebnis von 39 Prozent immer noch 15 Prozentpunkte vor den Grünen. 

Jetzt kämpft also der erste grüne Ministerpräsident, den Deutschland je hatte, um die Wiederwahl und seine Strategen haben es geschafft, den Wahlkampf ganz auf den Ministerpräsidenten-Bonus zuzuspitzen. Der ist gewaltig: Zwei von drei Baden-Württembergern mögen Kretschmann. Und das schon seit Langem: Zustimmungswerte von um die 70 Prozent erreichte Kretschmann schon nach 100 Tagen im Amt. Das ist bemerkenswert, weil ähnlich viele Befragte vorher einer grün-geführten Regierung skeptisch gegenüber standen.

Kretschmann ist eben kein Linker, sondern ein bodenständiger Typ, praktizierender Katholik, werkelt und wandert gern – im Südwesten schätzen sie ihn dafür. "Keine halbe Sachen" steht auf seinen Plakaten: "Auf dem richtigen Weg". Der Mann mit Bürstenschnitt, der bei offiziellen Anlässen stets eine grün-weiß-gestreifte Krawatte trägt, lebt außerdem von dem Nimbus des ehrlichen Politikers. "Er hat eine Meinung und steht dazu, das ist heutzutage sehr kostbar", sagt eine Besucherin.

Überholen die Grünen die CDU?

Nachdenkliche Unterstützung für Merkel

In Fachsenfeld erklimmt Kretschmann unter ehrfürchtigem Applaus die Bühne, er schaut etwas scheu in die Menge. Seine Standard-Wahlkampfrede hat nur noch wenig mit Landespolitik zu tun, geht schnell über Grenzen hinweg. Kretschmann zeigt Haltung bei einem Thema, mit dem die meisten Politiker in Berlin derzeit nur verlieren: Flüchtlinge. 

Mit donnernder Stimme wirbt der Grüne für Merkels europäischen Weg und für die Einheit in der EU: "Wenn Europa scheitert, dann wäre das eine epochale Katastrophe", sagt er, seine Füße wippen mit Nachdruck dazu, über der Nase haben sich besorgte Falten gebildet. Nationale Alleingänge, einseitige Grenzschließungen seien gefährlich. Deshalb, sagt Kretschmann, unterstütze er Merkel, obwohl sie einer anderen Partei angehöre: "Das sind keine taktischen Spielchen, das ist eine ganz ernste Frage." "Jawohl", murmeln die Fachsenfelder leise in sich hinein.

Im Sommer noch hatte es Kretschmanns Leuten davor gegraut, Wahlkampf in der Flüchtlingskrise zu machen. Die grün-rote Regierung war im Krisenmodus: Ad hoc mussten Tausende Flüchtlinge versorgt werden. Die Bevölkerung bedrängte den Ministerpräsidenten bei dessen traditioneller Sommerwanderung mit teils abstrusen Sorgen: Ob denn jetzt bald "Schwarze" in der eigenen Wohnung einquartiert würden? Doch Grün-Rot schaffte es, alle Menschen halbwegs angemessen unterzubringen, jedenfalls hat die Opposition für den Wahlkampf keinen größeren Flüchtlingsskandal auftun können.

Das Präsidiale steht ihm gut

Das Thema ging allerdings nicht weg. Im Gegenteil: Es wurde immer größer. Im Winter fällte das Kretschmann-Lager den Entschluss, aus der Not eine Tugend zu machen: Mit seiner nachdenklichen Unterstützung für Merkel tritt der Grüne nun überall im Land auf. Einmal, weil es seine Überzeugung ist, dass Grenzschließungen der falsche Weg sind. Aber auch weil es passt: Das Präsidiale steht dem 67-Jährigen gut. Seine Strategen haben erkannt, dass er mit Merkel-Unterstützung auch liberale Christdemokraten an sich binden kann.

Nach Aalen-Fachsenfeld sind manche gekommen, denen die vielen Flüchtlingen unheimlich sind, wie sie offen erzählen. Doch es scheint, als gäben ihnen die klaren Worte des Ministerpräsidenten dennoch Halt: Wenigstens einer, der noch weiß, was richtig ist.

Kretschmann wächst auch an der Schwäche seines Gegners: CDU-Kandidat Guido Wolf, ein dichtender Verwaltungsfachmann vom Bodensee. Wenn er auf Podiumsdiskussionen zur Flüchtlingskrise gefragt wird, sind seine Antworten ein fröhliches Sowohl-als-auch. Angeblich unterstützt er Merkel, doch ein kritisches Thesenpapier, das er gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen CDU-Wahlkämpferin Julia Klöckner veröffentlichte, liest sich ganz anders. Während es Klöckner schafft, die Illoyalität wegzulächeln und so Merkel-Gegner und Befürworter hinter sich zu einen, bleibt bei Wolf der Ärger hängen.