Die neue grüne Volkspartei im Wahlkampfabschluss hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Feierabendzeit in Stuttgart, ein eiskalter Wind fegt über den Marktplatz, er ist halb leer: Bei knapp über null Grad treten am frühen Mittwochabend rund 100 tapfere Anhänger und Wahlkampfmitarbeiter von einem Fuß auf den anderen, reiben sich die Hände. Auf der grünen Bühne vor ihnen hält sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann an einer weißen Teetasse fest, während er im Wintermantel seine Wahlkampfrede abspult – immer wieder unterbrochen von einem Husten. Wahlkampf zehrt.

Nach fünf Jahren grün-roter Landesregierung sei Baden-Württemberg in "bärenstarker Verfassung", ruft Kretschmann. Aber als der Ministerpräsident nach gut einer Stunde seinen Vizeregierungschef, SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid, auf die Bühne holt, sind die wenigen Passanten, die zugehört haben, bereits weitergegangen. Es ist einfach zu kalt.

Dabei war der Schulterschluss zwischen den beiden Parteien vier Tage vor der Landtagswahl sorgfältig geplant worden. "Der Nils Schmid", lobt Kretschmann den neben sich stehenden SPD-Mann, "ist wie wir Schwaben sagen a Gscheitle, er durchblickt die Dinge". Daher, so die Botschaft in die leere Kälte hinein, dürfe das grün-rote Dream-Team in Baden-Württemberg nach der Wahl am Sonntag keinesfalls getrennt werden.

Fällt die SPD, wankt auch Kretschmann

Nicht nur habe Grün-Rot das Land "moderner und gerechter" gemacht (Schmid), laut Kretschmann habe die Regierung fast nie gestritten. Stets harmonisch gehe es bei den Kabinettsfrühstücken zu, bei dem der SPD-Vize trotz seiner asketischen Anmutung immer einen erstaunlichen Appetit an den Tag lege, verrät der Regierungschef der Grünen. Er spricht außerdem ein Lob für jeden einzelnen der sozialdemokratischen Minister ins Mikrofon. Alle Lästereien und Vorbehalte zwischen Grünen und Roten, all die Konflikte, die es natürlich auch gab in den gemeinsamen fünf Jahren, sind für diesen Moment vergessen. "Wir in der SPD werden alles reinlegen, um aus eigener Kraft die Regierung fortführen zu können", ruft SPD-Kandidat Schmid. Genau hier liegt die Ursache für die abendliche grün-rote Liebeserklärung.

Vor der wichtigen Landtagswahl am Sonntag läuft es auf den ersten Blick super für Ministerpräsident Kretschmann: Wegen seiner Beliebtheit könnten die Grünen klar vor der CDU liegen. Die jüngste Umfrage bescheinigte Kretschmann 32 Prozent der Stimmen, der CDU – immerhin Traditionspartei im katholischen Südwesten – nur 27 Prozent. Es wäre ein historischer Sieg für die Grünen. Doch dieselbe Umfrage gibt dem grün-roten Regierungsbündnis in Stuttgart nur eine hauchdünne Mehrheit zum Weiterregieren, in allen vorherigen Erhebungen zur Wahlabsicht fehlte sogar diese. Was vor allem an der schwachen SPD liegt, der bisher maximal 16 Prozent vorausgesagt werden, und an der starken AfD, die die Mehrheitsverhältnisse im Parlament durcheinanderbringt.

Weil aber CDU und FDP derzeit ausschließen, nach der Wahl unter einem Ministerpräsidenten Kretschmann mitzuregieren, ist der sonst so erfolgreiche Grüne in diesen Tagen ganz schön abhängig von der SPD. Sie ist seine einzige sichere Option zum Weiterregieren. Fallen die Genossen, dann könnte auch Kretschmann straucheln.  

Also wahlkämpft der Grüne jetzt auch ein bisschen für seinen kleinen Partner. Was nicht ohne eine gewisse Ironie ist, wie alle Beteiligten wissen: Denn die SPD ist nicht nur wegen der schlechten Performance im Bund und wegen Profilierungsproblemen in den Umfragen eingebrochen, sondern auch wegen des Volksparteiwahlkampfes der Grünen. Rot-grüne Wechselwähler würden sich dieses Mal eher für den stärkeren der beiden Partner entscheiden, glauben viele in Baden-Württemberg. "Die Grünen saugen die SPD aus", so nennt es CDU-Spitzenkandidat Wolf genüsslich. 

Zweitstimmen-Kampagne ohne Zweitstimme

Jetzt aber scheinen die Grünen ein Überlebensprogramm für die SPD zu starten. Eben weil sie sie noch brauchen. Die gemeinsame Schlussmobilisierung wirkt dabei wie eine Art verkrampfte Brautschau, als preise Vater Kretschmann seinen schüchternen Sohn Schmid dem Wähler an: In "keiner Weise" habe die SPD Baden-Württemberg ihre schlechten Umfragewerte verdient, hatte Kretschmann am Morgen dem ZDF gesagt. Am Mittag trat der Grüne bei einer SPD-Wahlveranstaltung in Karlsruhe auf, da stand er gemeinsam mit SPD-Chef Sigmar Gabriel auf der Bühne. Am Ende folgte Stuttgart. 

Das Vorgehen ähnelt den berühmten Zweitstimmen-Kampagnen, wie sie die CDU immer mal wieder der FDP gewährt hat. Auch SPD-Kanzler Gerhard Schröder und sein grüner Außenminister Joschka Fischer traten im Wahlkampf 2002 einmal vor dem Brandenburger Tor auf, um dafür zu werben, dass die Wähler nur mit einer Stimme SPD wählen sollten und "Zweitstimme Joschka-Stimme" sei. 20.000 Menschen waren da, und die Kölner Truppe BAP spielte. 

Kein Vergleich mit dem frierenden Häuflein an Wahlkämpfern in Stuttgart. Vor allem, weil es in Baden-Württemberg am Sonntag – anders als bei Bundestagswahlen – keine  Zweitstimme zu holen gibt. Jeder Wähler darf nur ein Kreuz mache. Grün oder Rot, er muss sich also entscheiden.