Jeder zweite Deutsche ist dafür, auch Menschen in Deutschland Asyl zu gewähren, die wegen der "schlechten Wirtschaftssituation" ihr Herkunftsland verlassen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Sozialforschungsinstituts infas und der ZEIT im Rahmen der großen Vermächtnis-Studie. Gefragt wurde in einer Teilstudie nach der Akzeptanz von Flüchtlingen, differenziert nach Fluchtursache (politische Verfolgung/schlechte Wirtschaftssituation), Glauben (christlich/muslimisch) und Bildungsstand.

Wenn es um sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge geht, unterscheiden die Deutschen erheblich: Unter der Bedingung, dass die Asylbewerber eine abgeschlossene Berufs- oder Hochschulausbildung nachweisen können, befürworten rund 55 Prozent eine Aufnahme. Die Aufnahmebereitschaft für Menschen ohne berufliche Qualifikation ist jedoch wesentlich geringer: Auch jenen Asyl zu gewähren, die keine entsprechende Vorbildung nachweisen können, dafür plädieren nur 38 Prozent.

Ob Asylsuchende christlichen oder muslimischen Glaubens sind, spielt dagegen bei der Frage, ob man ihnen Asyl gewähren soll, für die Befragten überhaupt keine Rolle. Ruud Koopmans, Direktor der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung am WZB, der die Teilstudie geleitet hat, schließt mit Verweis auf die Fragetechnik aus, dass es sich um sozial erwünschte Antworten handelt. Die Botschaft dahinter sei: "Zu behaupten, es gebe eine weit verbreitete Islamophobie, ist stark übertrieben, um das Mindeste zu sagen."

Mehr zum Thema lesen Sie in der ZEIT Nr. 12 vom 10.3.2016.

Asylbewerber, deren Fluchtgrund ihre politische Verfolgung ist, sind in Deutschland laut der Studie über alle Parteigrenzen hinweg willkommen: 93 Prozent der rund 1.500 Befragten sind dafür, diesen Menschen in Deutschland Asyl zu gewähren. Die Zustimmung reicht dabei "bis weit in das Lager der AfD- und Pegida-Anhänger", sagt Koopmans. Der Bruch zwischen dieser Zustimmung und dem Erfolg rechter Parteien sei "nur dadurch zu erklären, dass ein enorm hohes Misstrauen gegenüber Menschen herrscht, die sich als politisch verfolgt ausgeben und es möglicherweise nicht sind". Wer nachweisen könne, "dass er um Leib und Leben fürchten muss, ist hier uneingeschränkt willkommen", sagt Koopmans.

Laut einer Forsa-Umfrage für den stern bereiten die Angriffe auf Flüchtlingsheime den Deutschen auch weit mehr Sorgen als die Zahl der Asylbewerber und Flüchtlinge. Aus 13 Problembereichen sollten die Befragten dabei jene angeben, die sie am meisten beunruhigen. Angriffe auf Flüchtlingsheime und rechte Gewalt kamen mit 83 Prozent an erster Stelle, gefolgt vom Zulauf zu rechtsextremen Gruppen mit 77 Prozent. Die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber wurde von 52 Prozent der Befragten erst an zehnter Stelle genannt.

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