Der Mann, der gern Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden würde, blickt von einem Podium im Mehrzweckraum einer Kindertagesstätte im Magdeburger Süden auf etwa 50 Anwohner, auf mehrfarbige Wimpelketten mit Luftballons und auf eine Sprossenwand. Das Podium teilt er mit seinen politischen Konkurrenten von SPD und Grünen und den lokalen Wahlkreiskandidaten von CDU und AfD, ganz rechts außen. Weiter rechts stehen nur noch mannshohe Grünpflanzen.

Wulf Gallert von der Linkspartei will auf den Chefsessel der Staatskanzlei. Es ist der dritte Versuch des 52-Jährigen, bei einer Landtagswahl Ministerpräsident zu werden. 2011 und 2006 hatte der ehemalige DDR-Staatsbürgerkunde-Lehrer schon mal versucht, seine Linkspartei mit der SPD zu verbünden. Doch jedes Mal knickten die Sozialdemokraten kurz vor der Wahl ein und bekannten sich zur CDU. Mit ihr war die Mehrheit sicher. Eine Schmach für die Linke, die bei Wahlen in ostdeutschen Ländern oft den zweiten Platz hinter der CDU errang.

Mit dem Linksbündnis könnte es diesmal klappen, sagt Gallert. Denn die Frau am Tisch neben ihm, die neue SPD-Spitzenkandidatin Katrin Budde, hat sich nicht festgelegt: Sie will ihre Mitglieder entscheiden lassen, ob sie das Land unter Gallerts Führung mitregieren soll, sofern es das Ergebnis am Wahlabend hergibt. Gallerts Schicksal hängt also am Verhalten von 3.500 Sozialdemokraten, und daran, ob die Grünen es in den Landtag schaffen, denn sie wären als Mehrheitsbeschaffer unverzichtbar. Wie hält er das aus? Gallert schwankt zwischen Hoffnung und Defätismus und sagt: "Es gibt Schlimmeres, als Spitzenkandidat zu sein."

Gallert ist Landeschef einer Partei, die viele Protestwähler auf sich zieht. Dennoch hat er bewiesen, dass er mit seinem realpolitischen Pragmatismus das Land nach vorn bringen kann: Nach 1994 tolerierte die Linke fast zehn Jahre lang verschiedene Minderheitsregierungen unter SPD-Regierungschef Reinhard Höppner. Er hatte seine Fraktion auf Haushaltsdisziplin getrimmt und ihr die Wünsch-dir-was-Haltung ausgetrieben. Und anderswo waren die Linken ja auch erfolgreich: Rot-rote Koalitionen regierten in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin, in Brandenburg gibt es sie bis heute. Warum also nicht in Sachsen-Anhalt, warum nicht mit ihm an der Spitze? Wo doch jetzt sogar in Thüringen ein linker Ministerpräsident an die Macht gekommen ist.

Doch vielleicht funktioniert es nicht, weil Gallert zu sehr Pragmatiker ist. Er legt nicht einmal einen Hauch des Populismus und der Demagogie an den Tag, den AfD-Landeschef André Poggenburg versprüht.

Gallerts größter Konkurrent

Der AfD-Spitzenkandidat besucht im Wahlkampf den schwul-lesbischen Stammtisch in Halle, etwa 50 Leute sind gekommen. Mit bubenhaftem Lächeln pariert er jede noch so schnittig vorgetragene Frage nach der Haltung seiner Partei zu sexueller Identität oder zur Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare. Der 41-Jährige vermag es, über zwei Stunden hinweg interessiert und wach auszusehen, er schafft es, an den richtigen Stellen zu lächeln oder zu nicken, selbst wenn die Diskutanten palavern. Das Publikum grillt ihn mit der Frage, wann er sich denn entschieden habe, heterosexuell zu sein. An Poggenburg tropft so etwas ab. "Das war schon immer so, ich kann mich da nicht erinnern." Ob er denn alleinerziehenden oder gleichgeschlechtlichen Eltern dieselben Rechte einräumen würde wie der Vater-Mutter-Kind-Familie? "Wir sind nicht für Verfolgung", sagt Poggenburg. Ein skandalöses Wort, wenn es um Minderheiten geht.

Die Flüchtlingskrise hat Poggenburgs AfD auf 17 Prozent katapultiert, knapp an die SPD heran. Denn Poggenburg ist ein Rechtspopulist, der laut und anhaltend vor einer Parallelgesellschaft aus muslimischen Flüchtlingen warnt. Vor einem Problem also, das in Sachsen-Anhalt mit seinen zwei Prozent Nichtdeutschen praktisch nicht existiert.

Wichtig, wichtiger, Landtagswahlen

Wichtig, wichtiger, Landtagswahlen

Baden-Württemberg wählt, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt auch. Was geht mich das an?

Laden …

12 Millionen Menschen können abstimmen. Der 13. März wird in Berlin wie eine kleine Bundestagswahl gesehen, er wirkt auf die Politik der Großen Koalition.

Laden …
Koalition in der Krise

Koalition in der Krise

Wegen der Flüchtlingskrise rechnen CDU und SPD zum Teil mit herben Verlusten.

Laden …
Panik in der SPD

Panik in der SPD

Alle gucken auf Merkel: Die äußerst schwache SPD aber kämpft um ihren Status als Volkspartei. Behält Sigmar Gabriel die Nerven?

Laden …

CDU-Jahre

Nein, es waren wirklich 58. Von 1953 bis 2011 stellte die CDU durchgehend den Ministerpräsidenten.

Laden …

AfD

Nein. Die AfD ist zwar stark – aber nicht so stark. Traurig genug: Am Wahlabend wird sie mit der SPD um Platz drei kämpfen.

Laden …

Land der Frühaufsteher

Richtig! Die Sachsen-Anhalter müssten nur so früh aufstehen, weil sie in andere Bundesländer pendelten, daran erinnert die SPD: Weil in der Heimat Arbeitsplätze fehlen.

Laden …

Nein, die Grünen sind in diesem Wahlkampf ganz auf die SPD konzentriert.

Laden …
Laden …

Poggenburg und seine AfD sind Gallerts größtes Problem. Beim Thema Flüchtlinge kann er nicht mithalten, denn seine Partei kämpft für ein Bleiberecht für alle. Schon vier Prozentpunkte hat ihm die AfD in den Umfragen abgesaugt: alles Protestwähler, die bisher der Linken ihre Stimme gaben, um den Regierenden einen Denkzettel für ihre Sozialpolitik zu verpassen. Doch in der Flüchtlingskrise zieht das Misstrauen gegen die "Kartellparteien", wie Poggenburg sie nennt, denn Protest zur AfD. Ihre Wähler verstehen sich als die neue, unverbrauchte Kraft, die die anderen Parteien das Fürchten lehrt.

In der Kita in Magdeburg sagt ein Zuhörer, bekennender AfD-Wähler: "Es kann nicht sein, dass man erst im Landtag öffentlich streitet und danach gemeinsam in der Parlamentskantine Kaffee trinkt." Dass auch Politiker einen Beruf haben, in dem man kollegial miteinander umgehen kann, ist dem Mittvierziger fremd.

Kompetenz und rhetorisches Talent

Gallert überdeckt solche Verständnislücken mit staatstragender Geste. Steigende Kita-Gebühren? Zu viele Leiharbeiter? Mehr Geld für das Studentenwerk? Er hört sich die Probleme an und skizziert seine Lösung. Vor lauter Pragmatismus vertut er die Chance, den lokalen AfD-Kandidaten vorzuführen. Der hat gerade vorgeschlagen, die kostenlosen Kitaplätze zu finanzieren, indem man den Antirechtsextremismus-Initiativen das Geld streicht. "Von denen gibt es zu viel." Das Publikum protestiert, eine Frau eilt zornig nach vorn und schleudert dem Mann ins Gesicht, "solchen Schwachsinn" müsse sie sich nicht anhören. Gallert könnte einwenden, die Antirechtsextremismus-Förderung sei mit dem Erstarken der AfD wichtiger denn je. Doch er erklärt lieber, dass er die Gebühren auch gern abschaffen würde, man wegen der Finanzlage aber höchstens die Kommunen ermuntern könne, die Elternbeiträge nicht weiter zu erhöhen.

Dabei hat Gallert die kräftigste Stimme von allen hier, in seinem tiefschwarzen Anzug und mit seinen Pausbacken ist er auf dem Podium in Magdeburg die auffälligste Erscheinung. Er hat die meiste Erfahrung hier, Kompetenz in der Sache und rhetorisches Talent. Manche jedoch werfen ihm Selbstverliebtheit vor, seine Wahlplakate werden belächelt, weil er sich dort als "Frauenversteher" und "Brückenbauer" präsentiert. Zuweilen verheddert sich Gallert in seinen Sätzen, die Gesten werden dann ausladender. Hat er geendet, fällt er in eine Art Wachkoma: Sein Blick geht zur Decke, verharrt einige Momente, dann fixiert er minutenlang die Tischplatte. Auf Fotos von solchen Szenen sieht er aus wie eine Karikatur seiner selbst.

Die Leute mögen ihn als einen, den sie kennen, als den ewigen Wahlkämpfer, als Fachmann, der den Leuten sagt, wie es gehen könnte, als einen Politiker, der ihre Sorgen versteht. Ob seine Linkspartei zur Regierung gehört oder nicht, ist da nicht so wichtig. Eine Frau aus Gallerts Zuhörerschaft, Erzieherin von Beruf und Linken-Anhängerin, erklärt das in einem knappen Satz: "Ich wähle auf jeden Fall Opposition." Egal, was Gallert tut: Er bleibt in Sachsen-Anhalt das Gegenstück zur Regierung, das Inventar der außerkoalitionären Wohngemeinschaft.