Nun hat sich Frau Weidel auch noch diesen lästigen Antrag eingefangen. Es ist der frühe Samstagabend beim AfD-Programmparteitag, und nach sechseinhalb Stunden hat die AfD gerade mal vier von mehr als 1.500 Programmanträgen besprochen. Die Stimmung ist gereizt, und jetzt steht oben auf der Bühne die kurz verwirrte Alice Weidel, Mitglied der Programmkommission und im AfD-Vorstand. Von einem Juristen im Tagungspräsidium wird ihr gesagt, sie habe sich einen Antrag "zu eigen gemacht", der eigentlich schon erledigt war. Nicht nur Frau Weidel fragt sich: Wie wird sie diese lästige Sache nun wieder los, damit es hier endlich weitergehen kann?

Der Programmparteitag der AfD an diesem Wochenende in Stuttgart hat an seinem ersten Tag sehr lange gebraucht, bis auch wirklich über das neue und überhaupt erste Parteiprogramm gesprochen wurde. Spannend war es vorher trotzdem. Eine Übersicht:

Höckes Sonderauftritt
Mitten hinein in eine Debatte über Tagesordungsänderungsanträge – der Vorstand um Frauke Petry und Jörg Meuthen sitzt seit Stunden auf der Bühne – kommt um halb eins auch Björn Höcke in den Saal. Man erkennt es am Applaus. Höcke schreitet einen der langen Mittelgänge nach vorne, da erheben sich aus den Sitzreihen Dutzende Mitglieder und beklatschen seinen Einmarsch. Erst vereinzelt, dann lauter. Der irritierte Tagungsleiter kann nichts anderes tun, als zu warten, bis Höcke sich gesetzt hat, bis der Applaus sich legt, um dann mit einem "Herr Höcke, schönen guten Tag" weiterzumachen.

Es ist ein Sonderauftritt, wie ihn nur der Thüringer Neurechte Höcke bekommt. Ein Hinweis auch darauf, dass seine Anhänger in ihm mehr sehen als einen profanen Landesverbandsvorsitzenden. Höcke ist kein Funktionär, Höcke ist ein Tribun mit Gefolge. Er meldet sich dann den gesamten Tag nicht zu Wort.

Der Bundespräsident in spe

Bisher ist Albrecht Glaser, ein alter, gedankenschneller Mann, Vorstandsmitglied der AfD und gefeiert für seinen juristischen Sachverstand. Beim vergangenen Parteitag in Hannover befand er, Satzungsfragen könnten doch sehr "erotisch" sein. Bald soll Glaser, so wünscht sich das der AfD-Bundesvorstand, sich nicht mit Satzungen beschäftigen, sondern mit dem Schicksal Deutschlands. Als Bundespräsident in Bellevue. Für dieses Amt wird Glaser kandidieren, Alexander Gauland, der eher als Vordenker der Partei bekannt ist und auch eine beinahe glaserhafte Lebenserfahrung mitbringt, wollte "aus privaten Gründen" nicht. Deshalb lobt die Parteivorsitzende Frauke Petry in Stuttgart Glaser als "in besonderem Maße jung geblieben" und die Mitglieder beklatschen ihn. Die Tagungsleitung wird ihn später mehrmals als "Herr Präsident in spe" ansprechen.

Über die Personalie und darüber, dass man überhaupt einen eigenen Kandidaten aufstellt, hat übrigens allein der Bundesvorstand der AfD entschieden. Die Basis wurde nicht gefragt. Die Basis scheint das aber diesmal auch nicht zu stören. Geht es um das gravitätische Präsidentenamt, scheint sich ihr sonst so starkes basisdemokratisches Bedürfnis sehr in Grenzen zu halten.