Nun haben es die Österreicher wirklich getan. Der Zaunbau am Brenner, dem symbolisch wie wirtschaftlich schwer beladenen Grenzübergang zu Italien, hat begonnen. Die Flüchtlingsroute über den Balkan wurde in einer Hauruckaktion geschlossen, jetzt schottet sich Österreich auch Richtung Italien ab.

Es mag Zufall sein, dass sich der Papst ausgerechnet am Montagnachmittag zu Wort meldete, die Italiener sehen das jedenfalls nicht so. Man müsse "Mauern abbauen", gerade auch jene Mauern, "die eine traurige Realität sind", forderte Franziskus just wenige Stunden, nachdem publik wurde, dass die Bauarbeiten an der Barriere beginnen.

Seit Dienstagvormittag bereiten Mitarbeiter der Autobahngesellschaft Asfinag unter Anleitung der Tiroler Landespolizei die Baustelle vor. "Die Verhandlungen mit den Grundeigentümern und andere Maßnahmen sind abgeschlossen", sagte ein Polizeisprecher. "Bis Ende Mai werden die Arbeiten an der Struktur beendet sein." Spätestens Anfang Juni werde kontrolliert, sagte der österreichische Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil in Wien.

Während der Spatenstich in Österreich zunächst nur mäßiges Aufsehen erregte, artikulierten italienische Politiker und Medien umgehend Kritik und Empörung. Vom "endgültigen Begräbnis von Schengen" war die Rede in der römischen Abgeordnetenkammer, Europa sterbe – "und zwar für immer".

Auch aus Brüssel folgten kritische Töne, die EU-Kommission monierte, nicht in die Pläne eingeweiht gewesen zu sein. Ob dieser Zaun überhaupt schengenkonform ist, sei zu prüfen. Die "improvisierte Mauer" sei jedenfalls ein fataler Fehler, sagte der italienische Staatssekretär für Europafragen Sandro Gozi, der nochmals an den Nachbarn appellierte, das Vorhaben zu überdenken. Eine tatsächliche Schließung der Grenze, warnte Innenstaatssekretär Domenico Manzione in Richtung Norden, "hätte neben wirtschaftlichen auch humanitäre Konsequenzen. Sie könnte Situationen auslösen wie jene, die wir leider in Griechenland sehen". Selbst offizielle Vertreter der italienischen Polizei warnten vor einem "regelrechten Sicherheits- und humanitären Notstand", der nun bevorstehe.

Die Entschlossenheit Wiens unterschätzt

Obwohl ein "Grenzmanagement", so die offizielle Bezeichnung Österreichs, nach dem Vorbild der Zaun- und Kontrollstrukturen an der österreichisch-slowenischen Grenze bei Spielfeld schon im Februar angekündigt worden war, fühlt sich Italien brüskiert. Es scheint, als ob man südlich der Grenze bis dahin die Hoffnung aufrecht erhalten hatte, dass Österreich seine Pläne nicht umsetzen würde.

Die römische Politik muss die Entschlossenheit Wiens unterschätzt haben – und den Faktor Innenpolitik: Österreich steht kurz vor der Wahl des Bundespräsidenten und die beiden Großparteien und Koalitionspartner ÖVP und SPÖ stecken nicht nur mit ihren schwächelnden Kandidaten in einer tiefen Krise. Dazu kommt die Angst vor der in Umfragen immer stärker werdenden rechtspopulistischen FPÖ.

Bis zuletzt habe man "insistiert, diese Zone offen zu halten", sagte der italienische Innenstaatssekretär Manzione. Man müsse erkennen, so sein konsternierter Kommentar, "dass Österreich vor wichtigen Wahlen steht und daher das Bedürfnis spürt, in der Bewältigung des Migrationsphänomens einen bestimmten Umgang darzustellen".