Am Wochenende vor Ostern, wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag, war Hans-Dietrich Genscher im Rahmen seiner Möglichkeiten wohlauf. Ein Besucher, der dem ehemaligen Außenminister zur Zeit der deutschen Vereinigung und in den ersten Jahren danach in leitender Stellung zugearbeitet hatte, war von ihm an der Haustür empfangen worden. Das habe der alte Herr sich in der Regel nicht nehmen lassen. Ja, er sei im Rollstuhl gesessen. Das wusste man von ihm nicht nur aus Boulevardblättern. Aber insgesamt schien Genscher "gut in Form" zu sein, aufmerksam, lebhaft und emotional, erinnert sich der Besucher.

Zwei Themen bestimmten das Gespräch. Soeben war der Tod des viel jüngeren ehemaligen FDP-Vorsitzenden und Ex-Außenministers Guido Westerwelle gemeldet worden. Anlass für Erinnerungen an den einstigen jungen Heißsporn der Liberalen. Und natürlich auch Grund für gemeinsames Nachdenken darüber, wie eine Würdigung für ihn formuliert werden sollte. 

Und ausführlich sprachen sie dann über die politische Lage in Europa, geprägt von der akuten Flüchtlingskrise und den Differenzen zwischen den EU-Regierungen, und über das wachsende Misstrauen zwischen Russland und dem Westen. Das habe den Mann im Rollstuhl beschäftigt. Seine Besorgnis und seinen Zorn über die Haltung einiger führender westlicher Spitzenakteure sei bei diesem Gespräch sehr deutlich gewesen. Europa war für ihn nicht nur eine Frage der politischen Vernunft. Daran hing er auch mit dem Herzen.

Einer der großen Verstorbenen der deutschen Nachkriegspolitik

Europa, eine Sache des Verstands und der Gefühle. Der in der Nacht zum Freitag verstorbene Hans-Dietrich Genscher sah in der Überwindung des großen politischen Gegensatzes im Nachkriegseuropa des 20. Jahrhunderts den Kern seines Lebenswerks. In den Nachrufen, die nun veröffentlicht werden, wird sein Beitrag zum Ende des Kalten Kriegs und dabei besonders zur friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten entsprechend gewürdigt.

Der Hallenser, geboren am 21. März 1927, steht als Demokrat und Europäer weitgehend unstrittig auf einer Ebene mit den anderen großen Verstorbenen der deutschen Nachkriegspolitik, neben Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt. Wie bei ihnen ist auch bei ihm der politische Lebensweg nicht ohne Pannen und Zwischenfälle abgelaufen. Genscher hat auf dem Weg zum viel gelobten Lebenswerk da und dort auch Unfertiges und Bruchstücke hinterlassen. Über manches sprach er im Lauf der Jahre nur ungern oder gar nicht. Manche erinnern sich, dass er auf bestimmte Themen sogar gereizt reagierte.