Am 21. Januar 2014 stoppt eine Streife des Zolls auf der Autobahn A9 bei Dessau-Roßlau ein Auto. Das Nummernschild kommt den Beamten seltsam vor. Statt der vorgeschriebenen Zahlenkombination steht lediglich "RD-Ingo" darauf. Als die Beamten in den Wagen schauen, wird aus ihrer Verwunderung schnell Sorge. Im Auto liegen eine Pistole des Typs Browning Hi-Power, geladen mit neun Schuss scharfer Munition, eine Walther PPK, ebenfalls geladen mit sieben Schuss, außerdem diverse Munition verschiedener Kaliber, ein Messer, zwei Schreckschusswaffen und rechte Propaganda. 

Der Fahrer, Ingo K., hat bei den Behörden schon häufiger arbeiten lassen. Er gehört zur Szene der sogenannten Reichsbürger, die sich gern mit dem Staat anlegen. Sein Fall zeigt, warum Polizisten und Verfassungsschützer die Reichsbürgerbewegung inzwischen nicht mehr als Sammelbecken harmloser Spinner abtun. In dieser von Verschwörungstheorien, Größenwahn und esoterischem Unsinn getriebenen Szene finden sich zunehmend Menschen, die zu Terroristen werden könnten. 

Ingo K. fuhr nicht nur Waffen spazieren. Seit Jahren schon will er keine Steuern mehr zahlen, keinen Ausweis, keinen Führerschein, keine Krankenversicherung mehr besitzen, keine Gesetze mehr befolgen. Er betrachtet sich nicht mehr als Bürger der Bundesrepublik, hat sich sogar sein eigenes Land gegründet: "Das Deutsche Reich", abgekürzt DDR. 

Die Ideologie der Reichsbürgerbewegung ist eine wilde Mischung. Ihre Anhänger integrieren Nazi-Ufos genauso mühelos in ihre Gedankenwelt wie Chemtrails, also Kondensstreifen am Himmel, mit denen angeblich Menschen vergiftet werden sollen. Die Reichsbürgerszene ist zwar klein, aber trotzdem unübersichtlich und zerstritten, nur in einem sind sich alle einig: Die Bundesrepublik ist kein echter Staat. 

Die Anhänger dieser Ideologie sind stattdessen überzeugt, dass das Deutsche Reich noch immer existiere, denn die Bundesrepublik sei kein legitimer Rechtsnachfolger; Deutschland habe auch nie vor den Alliierten kapituliert, sondern nur einen Waffenstillstand geschlossen und sei bis heute von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges besetzt; die Bundesrepublik sei daher lediglich eine GmbH, um das Land zu verwalten und seine Bürger auszubeuten. Schlussfolgerung der Anhänger: Sie seien noch immer Bürger des Deutschen Reiches, wahlweise in den Grenzen von 1871 oder 1937.

Reichsverweser, Kanzler, Könige und Kaiser

Da viele Reichsbürger gleichzeitig geradezu verliebt in Ordnung, Hierarchien und Titel sind, drucken sie sich eigene Ausweise und eigene Nummernschilder, sie gründen ständig neue Regierungen, Staaten, Königreiche, nennen sich Reichsverweser, König, Kaiser. Allein mehr als 30 Reichskanzler gibt es derzeit unter ihnen. Hier ein – von Kritikern der Szene – erstellter Überblick über die verschiedenen Gruppen.

Ihre kruden Theorien und die Fantasiedokumente, mit denen Reichsbürger herumwedeln, machen es leicht, sie als Verwirrte abzutun. Reichsbürger sind überzeugt, die Staatsbediensteten der "BRD GmbH" hätten ihnen gar nichts zu sagen, sie hätten genau wie der ganze Staat keine Legitimation. Deshalb geraten sie im Alltag vor allem mit Polizei und Verwaltungsbehörden aneinander. 

So kann es passieren, dass drei von ihnen einen Beamten des Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark umstellen, der einen Blitzer aufgebaut hat und die Geschwindigkeit von Autos kontrolliert. Sie drohen dem Beamten, die Militärpolizei zu holen und sein illegales Tun zu beenden. "Für den Kollegen war das eine hakelige Situation", sagt Reinhard Neubauer, zu dieser Zeit Justiziar des Landkreises. Als der Bedrohte die Polizei alarmierte, zogen die drei Reichsbürger ab. "Mit den Worten: Wir müssen noch einen Richter verhaften."

Ähnliche Situationen erlebt die Polizei inzwischen ziemlich häufig und nicht immer gehen sie so glimpflich aus. In Rostock wollte sich kürzlich ein Reichsbürger einer aus seiner Sicht illegitimen Verkehrskontrolle entziehen. Er gab Gas und fuhr den vor seinem Auto stehenden Polizisten über den Haufen. Der Beamte wurde mitgeschleift und verletzt.

Solche Fälle sind zum Glück selten. Hingegen überziehen Reichsbürger immer wieder alle erdenklichen Verwaltungsbehörden mit absurden Klagen, Beschwerden, Forderungen. Per Fax, Telefon oder E-Mail, oft auch in persönlich vorgetragenen Predigten, rattern die Anhänger der Reichsbürgerbewegung den Verwaltungsangestellten ihre wirren Argumentationsketten herunter, zitieren immer neue Belege dafür, warum sie nach ihrer Meinung nicht den Rechten und Gesetzen der Bundesrepublik unterstehen. Haager Landkriegsordnung, Zwei-plus-Vier-Vertrag, Gerichtsverfassungsgesetz, Strafprozessordnung – alles wird im Sinne der verqueren Grundidee ausgeschlachtet. Allein die Menge und Vehemenz der Argumente führen schnell dazu, dass sich bei Zuhörern vor allem ein Gefühl einstellt: Verwirrung.