Das ist Absicht. Reichsbürger wollen niemanden überzeugen, sie wollen vor allem verhindern, etwas bezahlen zu müssen: zum Beispiel Strafzettel, Rundfunkbeiträge oder Steuern. Sie versuchen, auf Bürgerämtern ihre Personalausweise zurückzugeben und aus der "BRD GmbH" auszutreten, sie schreien Richter an und bezweifeln deren Legitimität, um nicht verurteilt zu werden. Oder sie weisen gleich das ganze Verteidigungsministerium an, sofort mit ihnen, der neuen Regierung, zusammenzuarbeiten, um die "Plünderungen" der "Firma Polizei" zu beenden. 

Gemein ist allen, dass sie gerne schreiben. Ihre Pamphlete sind viele Seiten lang und werden an unzählige staatliche Stellen verschickt. Reichsbürger wollen damit den Betrieb stören. Sie filmen illegalerweise auch gern, wenn sie mit Richtern diskutieren oder ihren Ausweis zurückzugeben versuchen und stellen die Videos ins Netz. Wer sich auf eine solche Diskussion einlässt, hat schon verloren, denn Reichsbürger sehen es bereits als Erfolg, wenn sie jemanden eine halbe Stunde lang zugetextet und damit von der Arbeit abgehalten haben. Im Englischen gibt es einen Ausdruck dafür, paper terrorism – Papierterrorismus. 

Das klingt eher heiter, aber in den Briefen werden Beamte beschimpft oder gar mit dem Tode durch Erschießungskommandos bedroht. Oder gleich mit Atomwaffen. Zitat aus einem Brief, der an den damaligen brandenburgischen Justizminister Volkmar Schöneburg ging: "Aus Referenz drei erfahren Sie etwas über taktisch thermonukleare Binärwaffen, welche uns zugänglich sind. Eine Baugruppe dieser binären Fusionswaffe ist bereits seit 2008 in Potsdam als Selbstzerstörungsmechanismus in einer Sendeanlage verbaut worden..." 

Zunehmend kommt es aber nicht nur zu verbaler Gewalt. In Brandenburg erwischte es sogar eine Staatssekretärin. Sie wurde in ihrem Büro von einem Besucher bedroht

Das alles klingt nach psychischer Krankheit und ist es in manchen Fällen auch. In der Szene bewegen sich Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Sinnsucher, Verzweifelte, Gescheiterte und eben auch psychisch Kranke, die Wahnideen haben und selbstmordgefährdet sind. Aber damit allein lässt sich das Phänomen Reichsbürgertum nicht erklären. 

Als Ursprung der Bewegung wird häufig Wolfgang Ebel gesehen, ein Fahrdienstleiter der Berliner S-Bahn, der dort 1985 die Kommissarische Reichsregierung (KRR) gründete. Ebel schuf die erste Organisation der Szene. Die Ideen aber sind älter und nicht von ihm. Sie stammen von Rechtsradikalen. Menschen wie der Rechtsterrorist Manfred Roeder und der Holocaustleugner und Volksverhetzer Horst Mahler haben sich die meisten der Theorien und Versatzstücke ausgedacht, mit denen Reichsbürger bis heute hantieren. 

"Reichsbürger wurzeln vom Denken her im Rechtsradikalismus", sagt Michael Hüllen, der sich beim Brandenburger Verfassungsschutz mit Rechten und auch mit Reichsbürgern beschäftigt. "Ihre Ideologien sind die Domäne der Rechten." 

Schon die Selbstbeschreibung als Reichsbürger stellt einen klaren Bezug her. Denn das "Reichsbürgergesetz" von 1935 kannte einfache Angehörige des deutschen Staates – das konnte jeder sein, der einen deutschen Pass bekam. Über ihnen aber standen die "Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes", die geborenen Deutschen also, die Reichsbürger, die Herrenmenschen. 

Bis heute dominieren Rechtsextreme viele der Reichsbürgergruppen, auch wenn deren Mitglieder sich gegen die Einordnung als Rechte wehren.

Reichsbürgerausweis für 35 Euro

Der brandenburgische Verfassungsschützer Hüllen sieht drei Untergruppen in der Szene: Erstens die Staatsverdrossenen, die einen Kanal für ihren Frust und ihre Probleme suchen. Zweitens die Milieumanager, die einerseits Geld mit Fantasiedokumenten Geld verdienen, andererseits aber auch den Staat destabilisieren wollen. Und drittens die politisch Bewegten, die aktiv an der Abschaffung der Demokratie arbeiten. 

Das alles klingt sortierter, als es ist. Reichsbürger sind Querulanten und als solche untereinander heillos zerstritten. In der Szene gibt es eine Menge Leute, die mal dieser, mal jener Reichsregierung angehören. Schließlich genügt es, sich den entsprechenden Ausweis zu kaufen. Beim "Freistaat Preußen" zum Beispiel gibt es den für 35 Euro, sofern man es geschafft hat, zuvor seinen echten Personalausweis "zurückzugeben". 

Das Brandenburger Landeskriminalamt hat unlängst erstmals eine Statistik zur Struktur der Szene in seinem Bundesland erstellt. Basis waren 220 Vorfälle, bei denen Reichsbürger zwischen 2012 und 2016 mit Behörden kollidierten. Knapp 83 Prozent der Beteiligten waren Männer, das Durchschnittsalter betrug 52 Jahre. Im Vergleich zur Kriminalität insgesamt und auch zur rechten Szene waren damit erstaunlich viele Frauen darunter. 

"Die Verwaltungen kämpfen sehr, denn die Leute sind schon ziemlich präsent und laut", sagt Susanne Kschenka. Sie ist Mediatorin und Beraterin beim Mobilen Beratungsteam des Vereins Demos in Cottbus. Das Team beobachtet die rechte Szene und unterstützt kommunale Behörden im Umgang mit Rechtsradikalen. "Wenn Reichsbürger in einem kleinen Büro stehen, können sie durchaus Angst verbreiten", sagt Kschenka. Es gebe zwar insgesamt nur wenige von ihnen, aber wenn sie aufträten, machten sie viel Ärger.

Radikalisierte Einzeltäter

Wie groß die Szene in Deutschland ist, lässt sich kaum sagen. Nur wenige Gruppen sind groß und organisiert genug, um irgendeine Wirkung zu entfalten. Viele Reichsbürger sind allein unterwegs, als sogenannte Selbstverwalter. Nach Recherchen von ZEIT ONLINE zählt das Innenministerium in Brandenburg 190 bis 200 Reichsbürger, davon etwa 20 radikale, Thüringen kennt "mehrere Hundert", Hessen und Schleswig-Holstein meldeten eine Zahl "im unteren zweistelligen Bereich", Sachsen-Anhalt 60 bis 70, "davon weniger als 20 rechtsextremistisch". Andere Innenministerien haben gar keine Informationen. Diejenigen, die das Phänomen beobachten, stellen jedoch fest, dass es mehr werden und dass die rückwärtsgewandten Ideen, obwohl sie nicht gerade massenkompatibel sind, Nachwuchs anziehen. 

Zahlen verstellten den Blick auf das eigentliche Problem, sagt Roger Derichs, Vizepräsident des thüringischen Verfassungsschutzes. Die Gefahr werde eher an einzelnen Fällen sichtbar, wie dem von Ingo K. Denn der fuhr nicht nur Waffen durch die Gegend. Er hatte zuvor den Massenmord an den Juden geleugnet, den Hitlergruß gezeigt und ein Video von sich gedreht, in dem er in einem verschneiten Waldstück unter Tränen in die Kamera brüllt, dass er die BRD "platt machen" werde, dass er keine Demokratie mehr wolle, sondern den weltweiten Nationalsozialismus, und dass er nun mithilfe der "Ahnenenergie" den Planeten "klären" werde. 

Ingo K. passt damit in ein Profil, das Sicherheitsbehörden mit Sorge beobachten: radikalisierte Einzeltäter, die sich in irgendeine Ideologie bis zum Wahn hineinsteigern und mit dieser anschließend ihre brutalen Taten und ihre Opfer rechtfertigen. "K. ist kein Einzelfall", sagt Verfasssungsschutzvizepräsident Derichs. "Es gibt einige in dieser Szene, die sich auf einen Tag X vorbereiten." Den Behörden bereite das "Kopfschmerzen".