Wie schafft man es als Protestpartei in die Medien? Durch provokante Statements. Im März schrieb AfD-Chefin Frauke Petry in einer Mail an die Mitglieder, um sich medial Gehör zu verschaffen, seien "pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich". Sie erst schüfen die notwendige Aufmerksamkeit für die Partei. Im zweiten Schritt könne man die eigene Position dann "sachkundig und ausführlicher" darstellen.

In der AfD verfahren viele Spitzenfunktionäre nach dieser Methode. Bundesvize Alexander Gauland hat diese Medienstrategie nun offenbar beherzigt, als er in einem Gespräch mit Journalisten der FAS sagte, die Deutschen fänden Jérôme Boateng als Fußballspieler gut, hätten ihn aber nicht gern als Nachbarn. Eine rassistische Provokation, die für Gauland zwar nach hinten losging, weil er die Liebe der Deutschen zum Fußball unterschätzt hatte – und auch seine Parteichefin Frauke Petry sich rasch davon distanzierte. Dennoch ist der Vorfall exemplarisch für die Aufmerksamkeitsstrategie der Partei: Provozieren und anschließend den Rückzieher machen. Das Militär sagt zu dieser Kampftaktik: hit and run.

Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Entrüstung behauptete Gauland zunächst, Boateng in dem Gespräch mit der FASgar nicht erwähnt zu haben. Stunden später räumte er das dann ein. Ihre Wirkung hatte die Provokation längst entfaltet.  

Diese Vorgehensweise ist in der AfD oft zu beobachten: In einer ARD-Sendung Hart aber Fair im November 2015 behauptete Petry, die Technische Universität Dresden würde gegen ihre Mitarbeiter Disziplinarmaßnahmen aussprechen, falls sie sich an politischen Demonstrationen beteiligen. Sie führte an, diese Drohung gehe aus "Schriftstücken" hervor. Wenn es denn gestimmt hätte, wäre es ein krasser Eingriff einer staatsfinanzierten Einrichtung in die Demonstrations- und Meinungsfreiheit gewesen. Doch die Universität widersprach, Petry sage die Unwahrheit. Weil sie ihre Behauptung nicht belegen konnte, musste sie förmlich widerrufen und zusichern, sie nicht zu wiederholen. Aber egal – die Aufmerksamkeit war garantiert.

Höcke bedauert "Fehldeutungen" seiner Worte

Uwe Wurlitzer, Landtagsabgeordneter und parlamentarischer Geschäftsführer in Sachsen, unterstellte der Linken-Abgeordneten Juliane Nagel im Dezember während einer Sitzung, sie habe gesagt: "Haut den Bullen die Schädeldecke ein." Den von Nagel verlangten harten Beleg blieb er schuldig. Später führte er auf Nachfrageaus, er habe das über Dritte von einem Polizisten gehört.

Die Methodik der gezielten Provokation beherrscht besonders gut der Thüringer Fraktionschef Björn Höcke ("1.000 Jahre Deutschland"). Nur ein markantes Beispiel: Im November 2015 wurde bekannt, dass Höcke als Hauptredner bei der Winterakademie des "Instituts für Staatspolitik" (IfS) in Schnellroda, Sachsen-Anhalt, zu Gast gewesen war. Das Institut hat der AfD-Freund Götz Kubitschek gegründet, der auch die Zeitschrift Sezession herausgibt, ein Magazin der Neuen Rechten.

Höcke warnte dort am Mikrofon vor dem Flüchtlingszulauf aus Afrika nach Europa: Der "lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp" treffe dabei "auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp". Die Staatsanwaltschaft wurde aktiv und ermittelte wegen des Verdachts der Volksverhetzung, die AfD-Spitze ging mehrheitlich auf Distanz. Höcke bedauerte später, dass seine Worte "zu Fehldeutungen geführt haben". Seine Sprecherin ließ später übermitteln, er habe bereits einen Fehler eingeräumt.

Auf Flüchtlinge schießen?

Um die Äußerungen von AfD-Spitzenleuten zum Schusswaffengebrauch an deutschen Grenzen in der Flüchtlingskrise gab es viel Unruhe. Petry begab sich in einen öffentlich ausgetragenen Streit mit mehreren Zeitungen, denen sie in Interviews zur Flüchtlingskrise gesagt hatte, der Schusswaffengebrauch an den Grenzen sei als Ultima Ratio zulässig. Im Grunde referierte sie die geltende Rechtslage. Doch die öffentliche Kritik fiel scharf aus.

Auf Facebook ruderte sie wenig später zurück und schrieb, gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen: "Kein Einsatz von Waffen gegen friedliche Menschen."

Auf der Computermaus ausgerutscht

Spätestens jetzt müsste allen in der AfD klar gewesen sein, dass das Thema Schusswaffengebrauch und Flüchtlinge ein extrem heikles ist. Ungeachtet dessen sprang Bundesvize Beatrix von Storch Petry mit einem Posting auf Facebook bei, in dem sie schrieb: "Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer." Die darunter hinterlassene Nachfrage eines Nutzers: "Wollt Ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?" beantwortete Storch knapp mit "Ja". Auf die öffentliche Empörung reagierte sie parteiintern laut Spiegel mit der Behauptung, der Post sei durch einen technischen Fehler zustande gekommen. Im Bundesvorstand habe sie kleinlaut zugegeben, "Mist gebaut" zu haben. Sie sei auf der Computermaus ausgerutscht, hieß es in dem Bericht weiter. Doch auch diese Provokation hatte ihre Wirkung längst entfaltet.

Mitunter kommt der Rückzieher auf eine provokante Botschaft auch nicht von den Provokateuren selbst. Der Thüringer AfD-Sprecher Matthias Wohlfarth äußerte 2014 im Deutschlandradio Verständnis für die Gewalttäter, wenn "ein Afrikaner an der Bushaltestelle von irgendwelchen Rechten zusammengeschlagen worden ist". Vier Tage später erklärten neun Thüringer AfD-Mitglieder öffentlich, Wohlfarth sei für die Partei "längst untragbar".  Ob die Mitglieder sich aus taktischen Gründen zu dieser Kritik entschlossen oder aus eigener Überzeugung, wissen nur sie selbst. Sicher ist, dass Wohlfarth erst Monate später den Landesvorsitz aufgab –nachdem der damalige Bundeschef Bernd Lucke ihn persönlich in Erfurt besucht hatte.

Daran sieht man: Nicht jede Provokation ist durchdacht, manche Rückzieher wirken alles andere als souverän. Höcke, Gauland, von Storch und ihre Sprecher weisen den Vorwurf selbst zurück, dass gezielt überzogen wird, um im Sinne von Petrys Aufmerksamkeitsstrategie zu überziehen und anschließend zu relativieren. Erkennbar ist dieses Muster in der AfD trotzdem.