Anke Domscheit-Berg strebt ein Bundestagsmandat an. Die Publizistin, Ökonomin und Netzaktivistin soll auf Einladung der Landesparteispitze als parteilose Kandidatin 2017 für die Linkspartei zur Wahl antreten. Kandidieren soll die 48-Jährige im Wahlkreis 60, in dem bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 zuletzt Außenminister Frank-Walter Steinmeier für die SPD die meisten Erststimmen erhielt. Domscheit-Berg will sich zudem um einen der vorderen Plätze auf der Landesliste bewerben. So könnte sie selbst dann in den Bundestag kommen, wenn Steinmeier das Direktmandat erneut erhält.

Sie wolle sich für eine sozialere, gerechtere und kreativere Gesellschaft einsetzen und dabei ganz besonders die Chancen der digitalen Gesellschaft nutzen, sagte Domscheit-Berg ZEIT ONLINE. Die Weichen dafür müssen endlich gestellt werden. Sie schätze die Linke "als einzige Partei, die sich konsistent für Themen einsetzt, die mir besonders wichtig sind". Dazu gehörten soziale Gerechtigkeit, Grundrechte wie das Recht auf Asyl, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen und der Kampf gegen Überwachung. Sie trete auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein – ein Thema, das in der Linken kontrovers diskutiert wird. Domscheit-Berg vertrete zudem einen Pazifismus "ohne Wenn und Aber". 

Ein weiteres Motiv für ihre Bewerbung um das Bundestagsmandat sei das Erstarken der AfD "und der zunehmende Rassismus und Nationalismus in Deutschland". Ihre Kandidatur sei "auch eine Kampfansage" an diese Partei. Sie wolle die AfD mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie bekämpfen. "Ich möchte im Wahlkampf zeigen, dass das Grundsatzprogramm der AfD keine Alternative für Deutschland ist, sondern rückständig, unsozial und demokratiefeindlich." Die AfD hatte bei den vergangenen Landtagswahlen unerwartet hohe Ergebnisse erreicht. Sie zog viele Protest- und bisherige Nichtwähler an, aber auch der Linken viele ihrer Wähler ab.

Am Montag will Domscheit-Berg ihre Motivation in Potsdam in einer Pressekonferenz detailliert erläutern. Die Entscheidung über die Vergabe der Direktkandidatur treffen die Parteimitglieder des Wahlkreises. Ihre Zustimmung gilt als sicher, zumal da bisher kein Gegenkandidat bekannt ist.  

In dem Wahlkreis 60 um die Stadt Brandenburg/Havel war für die Linke zuletzt die brandenburgische Sozialministerin Diana Golze angetreten, die aber 2014 den Bundestag verließ.

Domscheit-Berg wuchs als Tochter eines Arztes und einer Kunsthistorikerin im brandenburgischen Müncheberg auf und lebt heute in Fürstenberg/Havel im Norden Brandenburgs. In der DDR studierte sie Textilkunst, nach dem Mauerfall in Bad Homburg Betriebswirtschaft. 

Die Ökonomin arbeitete vor ihrer beruflichen Selbstständigkeit bei Microsoft, wo sie sich um den Ausbau des E-Government und die bessere Erreichbarkeit von öffentlichen Dienstleistungen kümmerte. Zuvor war sie bei McKinsey. 

Als Bloggerin befasste sie sich mit der Digitalisierung der Gesellschaft und Open Government, aber auch Themen wie Teilhabe und Transparenz, Geschlechtergerechtigkeit, Feminismus und Sexismus. Sie schrieb Bücher, ist Autorin für Fachzeitschriften und regionale und überregionale Zeitungen, darunter ZEIT ONLINE und DIE ZEIT.

Als Unternehmerin gründete sie mehrere Beratungsfirmen im Bereich Open Government und Führungskräftetraining. Sie ist zu Vorträgen in Deutschland und im Ausland unterwegs.