ZEIT ONLINE: Herr Sabrow, von den zehn Bundespräsidenten vor Joachim Gauck haben sich nur vier für eine zweite Amtszeit entschieden, nicht immer ging das gut. Wäre es also richtig, wenn Gauck auf eine zweite Amtszeit verzichtet?

Martin Sabrow: Das lässt sich so nicht sagen. Aber es stimmt, dass die zweiten Amtszeiten in der Regel schwächer gestaltet werden als die ersten. Zum einen fehlt dann häufig ein Leitthema. Die Ursache liegt zum anderen aber auch in der Struktur des Amtes. Es lebt sehr stark von der persönlichen Autorität des Amtsinhabers, und die pflegt sich innerhalb von zehn Jahren eher zu verschleißen.

Am wenigsten hat sich das bei Theodor Heuss gezeigt. Aber selbst Richard von Weizsäcker, den man wohl zu Recht zu den großen Bundespräsidenten zählt, hat in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr dieselbe Wirkung entfaltet wie in der ersten. Heinrich Lübke und Horst Köhler beendeten die zweite Periode bekanntlich gar nicht, wenngleich ersterer nur wenige Monate vor deren Ende zurücktrat.

ZEIT ONLINE: Häufig wird die Amtszeit eines Bundespräsidenten auf einen zentralen Satz reduziert. Bei Weizsäcker war das der von der Kapitulation als Befreiung, von Christian Wulff bleibt der Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Gibt es einen solchen Satz von Gauck?

Sabrow: Mit Gauck verbindet man das Pathos der Freiheit – also eher einen prägenden Begriff als ein prägendes Diktum. Ich halte es für einen Vorzug, dass er als ehemaliger DDR-Bürgerrechtler aus seiner politischen Sozialisation und Erfahrung keinen Hehl macht. Er versucht, von diesem Freiheitsgedanken aus sein öffentliches Auftreten zu fundieren und die sich bietenden Fragen zu behandeln, ohne monothematisch zu werden.

ZEIT ONLINE: Was bleibt von Gaucks Amtszeit?

Sabrow: Als Historiker möchte ich das erst beurteilen müssen, wenn diese Amtszeit abgeschlossen ist. Aber eins kann man jetzt schon sagen: Gauck hat als Bundespräsident ein ramponiertes Amt rehabilitiert. Dass ihm das gelingen würde, war nicht selbstverständlich. Denn das Amt des republikanischen Staatsoberhauptes mit seiner etwas altväterischen, überwiegend repräsentativen Ausstattung passt wenig in unseren schnelllebigen Politikbetrieb mit seinem wachsenden Hang zu Skandalisierung und Personalisierung.

Dass es Gauck gelungen ist, daraus dennoch etwas zu machen, verdankt sich seiner Fähigkeit, sich sprachlich in Szene zu setzen und mit der Autorität seiner Person auch dort einzugreifen, wo die Autorität des Amtes es eigentlich kaum hergibt.

ZEIT ONLINE: Gauck war der erste Bundespräsident, der kein Politiker war. Er gehört keiner Partei an. Ist das für Sie während seiner ersten Amtszeit spürbar geworden?

Sabrow: Ja, ganz eindeutig. In dieser Hinsicht könnte Gauck zum Trendsetter werden. Die Erosion der Volksparteien könnte dafür sprechen, das Amt des Bundespräsidenten künftig stärker zivilgesellschaftlich zu verankern und Menschen anzuvertrauen, die nicht in der Parteienlogik sozialisiert sind.

Allerdings besteht hier immer eine doppelte Gefahr: Die eine liegt darin, dass der Politiknovize zu vorsichtig auftritt, weil er Angst hat, Fehler zu machen. Die andere ist, dass ein solcher Bundespräsident zu einer loose cannon wird, also mehr Eigenständigkeit entwickelt, als ihm von der Verfassung her zusteht, einfach weil er die Regeln des Politikbetriebs nicht beherrscht oder auf sie wenig Rücksichten nimmt.

ZEIT ONLINE: Wie war es bei Gauck?

Sabrow: Gauck hat aus seinem Außenseitertum eine Chance gemacht. Er hat eine frische, andere, bisweilen allerdings auch sehr pastorale Sprache mitgebracht. Er war emotionaler, als man das von Profipolitikern kennt. Allerdings kann man auch erkennen, dass seine ursprüngliche Eckigkeit sich mit der Zeit etwas abgeschliffen hat. Während von Weizsäcker sich im Laufe seiner Amtszeit vom Politikbetrieb emanzipiert hat, hat Gauck sich hineinbewegt.