"Atomblitz von links!!" Das war eines der Kommandos, nach denen wir Schüler uns auf dem Übungsgelände am Stadtrand schnellstmöglich vor eine Mauer oder ein ähnliches Hindernis zu werfen hatten. Und zwar nach links! Furchtlos dem Blitz entgegen! Landen in Bauchlage, Hände in den Nacken! Alles andere hätte im sogenannten E-Fall, dem Ernstfall eines atomaren Angriffs des Westens, unseren sicheren Tod bedeutet. So machte man uns glauben. 

Zu verdanken hatten wir derlei Absurditäten der mächtigsten Frau der DDR, Margot Honecker. 1978 ließ sie als Ministerin für Volksbildung das Fach Wehrkunde einführen, zu einer Zeit, als der Kalte Krieg auf einen Höhepunkt zusteuerte, den Nato-Doppelbeschluss. Bisher hieß es "Richt' euch! Augen geradeaus!" nur beim Fahnenappell auf den Schulhöfen. Von nun an aber sollte die Freie Deutsche Jugend FDJ, von der SED-Herrschenden als Kampfreserve der Partei betrachtet, bei der Verteidigung des Arbeiter-und-Bauern-Staates nicht nur auf Worte angewiesen sein, sondern dem Atomblitz mindestens noch eine Handgranate korrekt entgegen schleudern können. Zum Schuljahresbeginn am 1. September 1978 – dem Weltfriedenstag – ließen die Kirchen republikweit eine Stunde lang die Glocken läuten – aus Protest, denn ihr Einspruch bei Honecker gegen die weitere Militarisierung der Schule war ungehört geblieben. Schon damals hatte Margot Honecker eisern gegengehalten.

Sozialisiert wurde die 1927 in Halle Geborene als Beobachterin des Widerstands gegen das NS-Regime. Widerstand prägte auch ihr Leben – nur leider Widerstand gegen das Falsche. Nach dem Waffensieg über Nazideutschland 1945 war es durchaus erstrebenswert gewesen, mit jungen, unverbrauchten Kräften eine neue Gesellschaft zu gestalten. So wurde Margot Honecker, geborene Feist, Mitglied der KPD und, kaum älter als 20 Jahre, Chefin der Sozialistischen Pionierorganisation. Sie leitete also eine Kaderschmiede, die den Glauben an die Freiheit des Individuums bereits wieder unterdrückte.

Nie im Schatten des Gatten

Zeitgleich lernte sie den 15 Jahre älteren FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker kennen. Nach einer Affäre mit ihm, der schon zum zweiten Mal verheiratet war, bekam sie 1952 die gemeinsame Tochter Sonja. Der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht brachte Erich Honecker dazu, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und Margot Feist zu heiraten. Die 1953 geschlossene Ehe mag Margot Honecker zusätzlichen Respekt verschafft haben, im Schatten ihres Gatten, dem später mächtigsten Mann der DDR, stand sie jedoch nie.

Mit gerade 36 Jahren ernannte man sie zur Volksbildungsministerin. Die junge Margot Honecker pries Stalin als "Freund aller jungen Menschen". Fortan war sie das weibliche Vorzeigegesicht der DDR-Führung: selbstbewusst, strebsam, jederzeit bereit, getreu dem Weltbild des DDR-Sozialismus, mit Stalin im Rücken, den Westen als Aggressor vorzuführen und so ihre Bildungspolitik zu rechtfertigen.

Fünf Jahre nach dem Protestläuten der Kirchenglocken stand auch auf meinem Stundenplan Wehrkunde. Vorgesehen war, dass die Jungs in ein Wehrlager der paramilitärischen "Gesellschaft für Sport und Technik" fuhren. Das war ein staatlicher Verein, dem meine Klassenkameraden vor allem deshalb beigetreten waren, um dort ohne jahrelange Wartezeit den Mopedführerschein machen zu können. Jetzt aber war das Ziel, dort in Uniform, mit einer scharf geladenen KK-MPi 69 und der Sturmwand die von Margot Honecker angestrebte Kampfbereitschaft herzustellen.

Betonköpfige Realitätsferne bis zum Schluss

Für die Mädchen war parallel Unterricht in Zivilverteidigung vorgesehen: Ebenfalls uniformiert  ging es darum, korrekt in Linie anzutreten, wirkungsvoll dem Atomblitz auszuweichen, die Gasmaske richtig aufzusetzen, kompetent Erste Hilfe zu leisten, Hilfsbedürftige in den Atomschutzbunker zu führen. Interessanterweise ließ uns die Schule die Wahlfreiheit (!), welchen Teil der Ausbildung wir bevorzugen. Mit dem Ergebnis, dass der Großteil der Jungs die vergleichsweise locker gehaltene Zivilschutzunterweisung durch unseren Physiklehrer dem vormilitärischen Wehrlager vorzog. Wir  übten vormittags, noch im Fallen die Hände hinter dem Nacken zu verschränken. Nachmittags blödelten wir im Übungsgelände herum, vertilgten unseren Proviant und machten Witze über den Atomblitz von links.             

Fünf weitere Jahre später war alles vorbei, ohne dass die "Kampfreserve der Partei" jemals zum Einsatz gekommen wäre. Nach ihrer Entmachtung in der DDR 1989 gewährte ein Pfarrer im Norden von Berlin den Honeckers Notquartier. Über ein sowjetisches Militärhospital kamen beide nach Moskau, wo sie in der chilenischen Botschaft Zuflucht suchten. Ihr Mann wurde unter anderem wegen Totschlags an 68 Menschen angeklagt, das Verfahren wurde aber wegen seiner fortschreitenden Krebserkrankung eingestellt. Die Familie floh nach Santiago de Chile, eines der letzten kommunistischen Refugien der Welt. Erich Honecker starb dort 1994. Seine Witwe ließ sich als prominente Kommunistin von Nicaragua und Kuba hofieren.

In einem Buch rechtfertigte sie die skandalöse Internierung von Jugendlichen in Jugendwerkhöfen, verhöhnte die traumatisierten Opfer als "Banditen". Den von ihr eingeführten Wehrkundeunterricht nannte sie für die Landesverteidigung unverzichtbar. Zeitlebens stritt sie dafür, die "historischen Erfahrungen des Sozialismus zu bewahren für ein besseres Morgen". Besichtigen lässt sich diese betonköpfige Realitätsferne eindrucksvoll in jener ARD-Dokumentation, die Margot Honecker in ihrem chilenischen Exil zeigt: Sogar wenige Jahre vor ihrem Krebstod am 6. Mai 2016 hielt sie unbelehrbar an ihrer sozialistischen Idee fest und verteidigte das menschenfeindliche DDR-Regime im Kreise Gleichgesinnter. Ein befremdliches, fast verstörendes Dokument. Doch zugleich Mahnung, alles für die Erhaltung der freiheitlichen Gesellschaft zu tun.