Um ein Haar wäre der Rechtspopulist Norbert Hofer direkt gewähltes Staatsoberhaupt Österreichs geworden. Der Populist Donald Trump hat das gesamte republikanische Establishment im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur aus dem Feld geschlagen und ist erstmals in Umfragen vor Hillary Clinton knapp in Führung gegangen. In Frankreich prägt Marine Le Pen schon seit Längerem mit dem Front National das politische Klima mit. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird die rechtspopulistische AfD aus dem Stand heraus zweitstärkste Partei.

Als besonnener Mensch fragt man sich: Was ist los in der westlichen Welt? Was sind die Gründe, dass in wohlhabenden Gesellschaften die Lust am politischen Zündeln wächst? Und schließlich: Welche Lehren sollten seriöse Demokraten daraus ziehen? So komplex gerade die letzte Frage ist, so einfach ist auch die Antwort darauf: Demokraten sollten mehr streiten.

Die Logik dieser Antwort folgt aus einer Erkenntnis der Verhaltenswissenschaft: Menschen schätzen nicht nur Ergebnis-, sondern auch Prozessnutzen. Entscheidend ist eben nicht nur, "was hinten rauskommt", sondern auch auf welche Weise die Ergebnisse erzielt werden. Je besser es Menschen materiell geht, desto mehr Wert legen sie auf den Prozessnutzen. Daher können sich auch Menschen, denen es materiell gesehen gut geht, von ihrem politischen System entfremden. Im besten Fall führt dies in autoritären Staaten zu Demokratisierungsbewegungen, wenn der Wohlstand allgemein zunimmt. Dass auch die umgekehrte Richtung möglich ist, lernen wir gerade angesichts von Neoautoritarismus in der ganzen Welt und angesichts der Erfolgswelle des Rechtspopulismus in Europa.

"Die Frustration gewöhnlicher Leute"

Entfremdung hat der legendäre britische Arbeiterführer Jimmy Reid in seiner berühmten Antrittsrede als Rektor der Universität Glasgow wie folgt beschrieben: "Es ist die Frustration gewöhnlicher Leute, die vom Prozess der Entscheidungsfindung ausgeschlossen sind, [weil sie] keine wirkliche Mitsprache bei der Gestaltung und Bestimmung ihres eigenen Schicksals besitzen." Im Ergebnis ist es dabei weniger entscheidend, ob dies wirklich so ist, sondern nur ob die Menschen dies so empfinden.

Mitsprache bei der Entscheidungsfindung erfolgt in modernen Demokratien über die Auswahl der Wähler unter verschiedenen Parteien und ihren Programmen. Je klarer die Entscheidungsalternativen sind, desto klarer kann der Wähler mittels der Stimmabgabe Einfluss ausüben. Je klarer die Entscheidungsalternativen sind und je mehr öffentlich um sie gestritten wird, desto besser informiert entscheiden die Wähler. Das zeigte schon der US-amerikanische Politologe Samuel L. Popkin in seinem Standardwerk The Reasoning Voter vor über 20 Jahren.

Fakt ist, dass insbesondere die "großen Volksparteien" ihre Lust an der Indifferenz und Entpolitisierung der Politik in den letzten Jahren gesteigert haben. Nach einer Umfrage von TNS Emnid in Deutschland meinten im Jahr 1990 noch knapp 60 Prozent der Menschen, dass es einen Unterschied mache, ob Union oder SPD regieren. 2012 hatte sich der Wert halbiert. Stellte man die Frage heute in Deutschland, wäre der Wert vermutlich noch niedriger.