ZEIT ONLINE: Herr Spreng, der neuesten Umfrage zufolge kommt die Union nur noch auf 30,5 Prozent, die AfD legt auf 15 Prozent zu. Dabei hat sich die Flüchtlingskrise in den letzten Wochen deutlich entspannt. Warum profitiert die Union davon nicht?

Michael Spreng: In den anderen Umfragen sieht es anders aus. Ich glaube nicht, dass die CDU sich im freien Fall befindet. Sie stagniert vielmehr auf relativ niedrigem Niveau. Es dauert lange, bis sich Stimmungen, die sich in Umfragen spiegeln, auf- und wieder abbauen.

ZEIT ONLINE: Muss die CDU damit rechnen, dass ihr mit der AfD dauerhaft ein Konkurrent am rechten Rand erwachsen ist?

Spreng: Ob dauerhaft, weiß ich nicht, aber ich glaube schon, dass die Erfolgswelle der AfD bis zur Bundestagswahl 2017 anhalten wird. Man muss damit rechnen, dass die AfD in den Bundestag einzieht. Sie hat Wählerschichten erschlossen, die bisher überhaupt nicht gewählt haben.

ZEIT ONLINE: Hätte die CDU die AfD kleinhalten können, wenn sie sich anders verhalten hätte?

Spreng: Da kann ich nur den früheren SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zitieren: Hätte, hätte, Fahrradkette. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte keine andere Wahl, als ihre Flüchtlingspolitik so zu machen, wie sie es getan hat. Sie ist dabei ihren Grundüberzeugungen gefolgt und dem, was sie für vernünftig hielt. Ihr ging es um die Rettung Europas, sie wollte eine Rückkehr zu nationaler Abschottung verhindern und hat deshalb an europäischen Lösungen gearbeitet. Zu ihrem Kurs gab es aus ihrer Sicht keine Alternative.

ZEIT ONLINE: Merkel musste das Erstarken der AfD also hinnehmen?

Spreng: Ja. Ich glaube, dass die CDU-Führung die AfD in Kauf nimmt. Wenn die AfD nicht zu stark wird, sondern mit sechs bis acht Prozent in den Bundestag kommt, könnte das der Union sogar nützen. Sie behielte ihre strategische Mehrheit, gegen sie könnte keine Regierung gebildet werden, und das ist ihr eigentliches Wahlziel. Das lässt sich mit 30 Prozent im Zweifelsfall genauso erreichen wie mit 35 Prozent.

ZEIT ONLINE: War der bisherige Umgang der CDU mit der AfD also richtig?

Spreng: Im Grundsatz, ja. Allerdings gab es Fehler in den Landesverbänden, insbesondere im Osten. Dort hätte sich die CDU früher und klarer von rechtsradikalen Bewegungen wie Pegida abgrenzen müssen.

ZEIT ONLINE: Die CSU und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff verlangen von Merkel so ziemlich das Gegenteil davon, nämlich einen deutlichen Ruck nach rechts. Liegen sie falsch?

Spreng: Ein Rechtsruck wäre falsch. Das zeigen auch die Zahlen von Wahlforschern. Der CDU sterben in jeder Legislaturperiode eine Million Wähler weg, von denen viele schon aufgrund ihres Alters eher konservativ gewesen sein dürften. Neue Wähler kann die CDU nur in der Mitte gewinnen. Sie könnte vielleicht zwei bis drei Prozent mit einem Rechtsruck zurückgewinnen, würde dadurch aber noch mehr in der Mitte verlieren. Das wäre eine Verlustrechnung.

Abgesehen davon weiß ich gar nicht, wie ein Rechtsruck aussehen sollte. Ich kenne kein CDU-Mitglied, das mir vernünftig erklären kann, was eine stärkere konservative Ausrichtung der CDU bedeuten würde. Und das Thema innere Sicherheit zum Beispiel ist bei der CDU nach wie vor gut vertreten. Hinzu kommt, dass es in der CDU für eine Rechtsruck gar keine Galionsfigur mehr gäbe. Selbst der einst als konservativer Hardliner geltende hessische Ministerpräsident Volker Bouffier regiert heute mit den Grünen.

"Gefährliche Operation"

ZEIT ONLINE: Die CSU versucht die AfD kleinzuhalten, indem sie ähnliche Positionen vertritt. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hat zum Beispiel unlängst ein Islamgesetz gefordert.

Spreng: Ich halte diese Strategie für falsch. Das wird sich für die CSU noch rächen. Die Wähler merken ja auch, dass die CSU ihre Forderungen gar nicht durchsetzen kann, weil sie am Widerstand der CDU und Merkels scheitert. Dann wählen sie doch erst recht das Original.

Auch ein Anti-Merkel-Wahlkampf wäre für die CSU eine gefährliche Operation. Die CSU denkt zu kurz. Schließlich gibt es in Bayern auch viele CSU-Wähler, die mit Frau Merkel sympathisieren oder sie als Kanzlerin behalten wollen. Dass man die AfD nicht bekämpft, indem man ihre Forderungen übernimmt, hat auch der vergangene Europawahlkampf gezeigt. Da gab sich die CSU ausgesprochen europakritisch – aber die AfD schnitt in Bayern überdurchschnittlich stark ab.