Hans-Georg Maaßen glaubt, Edward Snowden sei ein russischer Spion. Nicht, dass er Beweise für seine Behauptung hätte. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz findet nur – aufgrund seiner Erfahrung als Geheimdienstler, wie er sagte –, dass es plausibel sei. Russland führe schließlich einen Propagandakrieg gegen Westeuropa, Snowden schade der Beziehung zwischen Europa und den USA, also sei es doch gut möglich, dass er von Russland angestiftet wurde, um Teil dieses Feldzuges zu sein. Das zumindest behauptete Maaßen mehrfach als Zeuge im NSA-Untersuchungsausschuss.

Es gibt kein Indiz für diese Theorie. Sie ist nach allem, was bisher bekannt wurde, abenteuerlich. Selbst hohe amerikanische Geheimdienstler gehen nicht so weit. Die einzigen, die diese Theorie verbreiten, sind Hans-Georg Maaßen und Patrick Sensburg. Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses hatte sie in einem Beitrag für Frankfurter Allgemeine Zeitung erwähnt. Er sagte: "Snowden hat sich entschieden, nach Russland zu reisen. Er hat sich damit auf eine Seite des Propagandakriegs zwischen Moskau und dem Westen geschlagen." Sensburg gab in diesem Interview vor allem die Meinung von "Sicherheitskreisen" weiter, wahrscheinlich also die von Maaßen.

"Haben Sie einen Beleg dafür, dass Snowden ein russischer Agent ist?", fragte André Hahn von der Linkspartei im NSA-Ausschuss. "Nein", sagte Maaßen. "Aber es hätte eine hohe Plausibilität."

Ist Maaßen FSB-Agent?

Edward Snowden veranlasste das zu dem auf deutsch verfassten Tweet: "Ob Maaßen Agent des SVR oder FSB ist, kann derzeit nicht belegt werden. ¯\_(ツ)_/¯"

Snowden nutzte dabei die gleiche Satzkonstruktion wie Maaßen und zeigte damit, wie hinterhältig sie ist. Der Fakt wird bestritten, gleichzeitig aber wird das Gerücht gestreut. Das ist nicht nur dünn, es ist Rufmord. Warum sagt Maaßen so etwas?

Weil der Chef des Verfassungsschutzes Teil eines ganzen Kreises von Verantwortlichen in Deutschland ist, die alles dafür tun, um von eben dieser ihrer eigenen Verantwortung in der Spionageaffäre abzulenken. Doch eins nach dem anderen.

Das mit der bewussten Reise nach Russland ist nachweislich falsch. Snowden strandete dort unfreiwillig in der Transitzone, weil die Amerikaner seinen Pass eingezogen hatten, als er auf dem Moskauer Flughafen umsteigen wollte. Snowdens eigentliches Ziel war Ecuador, wo er Asyl suchte. Die russische Regierung hat ihn gern aufgenommen, um die USA zu ärgern, mehr aber auch nicht.

Warum schauen alle weg?

Amerikanische Geheimdienste sehen den Whistleblower gern als naiven und narzisstischen Verräter. Dass er für Russland spionierte oder spioniert, glauben nicht einmal sie. Michael Hayden, ehemaliger Chef von CIA und NSA sagt inzwischen sogar, letztlich habe Snowden den USA einen Dienst erwiesen. Er habe gezeigt, dass die Gesellschaft sich gewandelt habe. Geheimdienste müssten sich wandeln, müssten transparenter werden, damit ihre Arbeit wieder verstanden werde und die Zustimmung der Bevölkerung finde, sagt Hayden. Diese Einsicht verdanke man Snowdens Veröffentlichungen.

Warum also äußert Maaßen diese abenteuerliche Theorie? Eine Frage könnte die Antwort darauf liefern. Eine Frage, die die Obfrau der Linkspartei, Martina Renner, am Donnerstag im Untersuchungsausschuss stellte. "Warum schauen alle weg, wenn es die USA betrifft?", fragte sie. Warum wolle niemand sehen, dass die USA weltweit überwachen, dass sie foltern und töten?, meinte sie damit. Warum wolle niemand die Beweise dafür anerkennen?

Verfassungsschutz - Der Preis sind unsere Daten Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Spionagesoftware XKeyscore von der NSA erhalten – und sendet dieser dafür die Daten deutscher Bürger. ZEIT-ONLINE-Redakteur Kai Biermann kommentiert den Deal.