Frage: Herr Steinberg, die türkische Regierung macht den IS und nicht die kurdische PKK für den Anschlag auf den Atatürk-Flughafen verantwortlich. Ist das plausibel?

Guido Steinberg: Die Art des Anschlags verweist auf den IS. Die Tat ist vergleichbar mit den Angriffen in Paris im November und auf den Flughafen in Brüssel im März.

Frage: Warum attackiert der IS die Türkei, die für ihn doch lange ein sicheres Hinterland war?

Steinberg: Der IS sieht sich prinzipiell in einer Welt von Feinden. Daran hat auch die stillschweigende Unterstützung durch die Türkei nichts geändert. Erst recht nicht, seit die Türkei nach den ersten Anschlägen des IS im vergangenen Jahr einen restriktiveren Kurs gegen die Terrormiliz fährt. Die Angriffe des IS zeigen, dass ein Staat kein Zweckbündnis mit Terroristen eingehen sollte. Das ist ähnlich wie bei Pakistan, das die Taliban unterstützt und doch unter ihren Anschlägen zu leiden hat.

Frage: Wen genau will der IS in der Türkei treffen?

Steinberg: Es geht vor allem darum, den türkischen Staat zu destabilisieren. Der IS will den Tourismus und die Wirtschaft insgesamt beeinträchtigen. Gerade der Angriff auf den Atatürk-Flughafen ist ein empfindlicher Rückschlag für Erdoğan, weil er Istanbul als Transport- und Verkehrsknotenpunkt zwischen Europa und Asien etablieren möchte. Der IS will zudem innenpolitische Konflikte anheizen. Das ist ihm 2015 gelungen, als der Anschlag auf junge Kurden in Suruç dazu führte, dass Erdoğan den Friedensprozess mit der PKK beendete und diese ihre Terrorkampagne wieder aufnahm.

Frage: Welche Gefahr besteht für Touristen?

Steinberg: Zum wiederholten Male zeigt sich, dass die Türkei kein sicheres Reiseland ist. Die Behörden sind weder in der Lage, einen Flughafen zu schützen, noch die Urlaubsorte.

Frage: Im Januar hat ein Attentäter des IS in Istanbul zwölf deutsche Touristen getötet. Sollten die Türkei und Deutschland gleichermaßen getroffen werden?

Steinberg: Beide Länder sind im Zielspektrum des IS. Die Terrormiliz wird jede Gelegenheit nutzen, türkische und deutsche Ziele zu treffen – und vorzugsweise beide gemeinsam. Damit wird der IS auch versuchen, die Konflikte zwischen Deutschland und der Türkei anzuheizen. Den Strategen in Rakka ist der Streit wegen der Armenien-Resolution des Bundestages nicht entgangen.

Frage: Über welche Strukturen verfügt der IS in der Türkei?

Steinberg: Der IS ist außerhalb seines Territoriums nirgendwo so stark wie in der Türkei. Die Terrormiliz ist dort seit 2012 präsent, sie hat einen großen Teil ihrer Logistik über die Türkei organisiert. Es gibt sichere Häuser in Istanbul und anderen Städten. Der Schmuggel über die türkisch-syrische Grenze wird fortgesetzt. Die Massenverhaftungen der türkischen Behörden im vergangenen Jahr haben daran nichts geändert. Der IS kann alle paar Wochen Anschläge verüben. Viele kleinere Angriffe werden im Westen gar nicht wahrgenommen.

Frage: Wie könnte die Türkei den Terror des IS eindämmen?

Steinberg: Die Türkei muss ihre Syrien-Politik ändern. Die Bekämpfung des IS muss Priorität bekommen. Bislang sind für Erdoğan die Eindämmung der Kurdengebiete und der Sturz Assads wichtiger. Außerdem sind die türkischen Nachrichtendienste nicht effektiv genug. Sie sind stark politisiert und auf die Verfolgung friedlicher Oppositioneller fokussiert. Ein weiterer Punkt ist die mangelhafte Sicherung der Grenzen. Da müsste die Türkei erheblich mehr leisten. Und sie sollte sich am militärischen Einsatz des Westens gegen den IS auch mit Spezialkräften beteiligen.

Frage: Welche Strategie verfolgt der IS? Am Montag hat die Terrormiliz auch im Jemen Anschläge verübt…

Steinberg: Der IS arbeitet sein Programm ab. Er hat schon vor dem Beginn der westlichen Luftschläge Angriffe im Westen geplant. Und er hat in der muslimischen Welt sein Unterstützernetzwerk ausgeweitet. Das nutzt der IS, um auch in Bürgerkriegen wie im Jemen und in Libyen Präsenz zu zeigen.