Der Deutsche Richterbund (DRB) fordert von der Türkei konkrete Beweise, bevor türkische Staatsbürger ausgeliefert werden. Ein bloßer Zuruf der türkischen Regierung würde nicht genügen, sagte der Vorsitzende des Richterbundes, Jens Gnisa. Der Türkei hielt er ein "grob rechtsstaatswidriges Vorgehen" gegen ihre Richter, Staatsanwälte und andere Bürger vor.

Die türkische Regierung verlangt von Deutschland die Auslieferung von türkischen Richtern und Staatsanwälten, die der Gülen-Bewegung angehören sollen. Der islamische Prediger Fethullah Gülen, der in den USA im Exil lebt, wird von Ankara für den gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli verantwortlich gemacht. "Deutschland muss die Richter und Staatsanwälte dieses Parallelstaates ausliefern", hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu am Donnerstag dem Sender CNN-Türk gesagt.

Gnisa sagte: "Die deutsche Justiz wird etwaige Auslieferungsersuchen gründlich und nach rechtsstaatlichen Grundsätzen prüfen." Es bräuchte "konkrete, belastbare Anhaltspunkte, dass türkische Staatsbürger, die sich in Deutschland aufhalten, in den Putschversuch in der Türkei verwickelt waren, damit eine Auslieferung in Betracht kommt". Das "grob rechtsstaatswidrige Vorgehen der Türkei" gegen Juristen und andere türkische Bürger werde "Deutschland sicher nicht unterstützen".

Auch deutsche Politiker kritisieren die Auslieferungsforderung. Der Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin sprach von einer Hexenjagd auf Gülen-Anhänger in Deutschland. Trittin wertete das Begehren im Handelsblatt als "dreiste Forderung nach Verfolgung". Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das türkische Generalkonsulat in Stuttgart habe die Landesregierung aufgefordert, "Vereine, Einrichtungen, Schulen, die nach Meinung der türkischen Regierung von der Gülen-Bewegung, wie sie sagt, 'betrieben' werden, einer Prüfung zu unterziehen". Der Grünen-Politiker kritisierte: "Hier sollen Leute auf irgendeinen Verdacht hin grundlos verfolgt oder diskriminiert werden." 

Seit dem gescheiterten Putschversuch wurden in der Türkei Zehntausende angebliche Gülen-Anhänger festgenommen oder vom Dienst suspendiert, vor allem Militärangehörige, Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Dozenten und Journalisten. Dieses von der türkischen Regierung als "Säuberung" bezeichnete Vorgehen wird international kritisiert, weil womöglich auch Regierungskritiker, die nicht zu den Putschisten zählen, davon betroffen sind. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte zudem Folter und Misshandlung von Festgenommenen in türkischen Haftzentren angeprangert.

Auslieferungsverfahren sind in Deutschland in der Regel langwierig. Das Ersuchen wird auf diplomatischem Weg gestellt und landet somit beim Auswärtigen Amt. Dann werden die Unterlagen an die Justizbehörden und vom zuständigen Landesjustizministerium an die zuständige Generalstaatsanwaltschaft weitergeleitet.

Voraussetzung einer Auslieferung eines nichtdeutschen Staatsangehörigen ist, dass die Auslieferung vom Oberlandesgericht für zulässig gehalten und vom Bundesamt für Justiz im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt bewilligt wird.