ZEIT ONLINE: Herr Welzer, erst der Terrorakt in Orlando, dann in Nizza, jetzt die Attacke in einem Zug bei Würzburg, dazu all die Krisen und Kriege um ums herum, der Flüchtlingsandrang, der Brexit, der Putschversuch in der Türkei: Können Sie verstehen, dass viele Menschen das Gefühl haben, die Welt gerät aus den Fugen?

Harald Welzer: In gewisser Weise gerät sie ja auch aus den Fugen. Zumindest unsere Welt. Wir waren es bislang gewohnt, die Probleme außerhalb unserer Hemisphäre zu sehen. Jetzt sind sie hier, sie kommen zu uns. Das verunsichert natürlich kolossal.

ZEIT ONLINE: Ist die Welt denn tatsächlich instabiler und gefährlicher geworden, wenn man das mit früheren Zeiten vergleicht?

Welzer: Das kommt immer darauf an, welchen Bezugszeitraum man nimmt. Wenn man bestimmte Perioden aus der Zeit des Kalten Krieges nimmt oder gar die beiden Weltkriege, dann sind wir in vergleichsweise ruhigen Zeiten. Aber verglichen mit der ganz außergewöhnlichen Stabilität der Nachkriegsjahrzehnte im Westen sind es extrem unruhige Zeiten.

ZEIT ONLINE: Alles Schreckliche, so scheint es, passiert fast gleichzeitig. Man kommt kaum noch hinterher. Ist es auch diese Beschleunigung der Ereignisse, die den Menschen solche Angst macht?

Welzer: Es sind ja ganz verschiedene Dinge. Ob ich das Flüchtlingsgeschehen habe oder die Anschläge, das ist alles schwer zuzuordnen. Aber eins haben sie gemeinsam: Die Ereignisse haben alle eine verunsichernde Qualität, sie machen Angst.

ZEIT ONLINE: Dass die Flüchtlinge und der Terror zu uns kommen, ist das eine Folge der Globalisierung?

Welzer: Es ist eher die Folge, dass unsere Illusion dahingeht, auf einem demokratischen und freiheitlichen Kernkontinent eine Inselexistenz führen zu können und von den Krisen, Konflikten und Katastrophen im Rest der Welt abgeschottet zu sein. Jetzt merken wir, dass wir mit all dem verbunden und nicht davon losgelöst sind. Das hat auch mit der Kommunikation zu tun. Die Ereignisse erreichen uns heute viel schneller.

ZEIT ONLINE: Wir können heute alles per Internet, Facebook oder Twitter quasi live miterleben. Hindert das die Menschen, die Geschehnisse noch zu verarbeiten?

Welzer: Ja, das ist von der Kommunikationsstruktur kaum noch einzuordnen. Es ist visuell überladen, genauso wie von der Informationsdichte. Wenn man noch eine klassische Nachrichtenstruktur hätte, dann würde man irgendwie im Lauf des Tages durch das Radio oder Fernsehen mitbekommen, dass irgendetwas passiert ist. Bis dahin hätte man aber schon eine journalistische Einordnung. Heute geschieht das alles ungefiltert in Echtzeit. Die Ereignisse prasseln unentwegt und uninterpretiert auf die Leute ein und die versuchen sich dann einen Reim darauf zu machen. Nicht selten führt das dazu, dass wilde Phantasien oder Verschwörungstheorien die Diskussion bestimmen.