Als der Gast von der AfD ein weiteres Mal versucht, eine Diskussion mit dem Berliner Wirtschaftsforscher Martin Kroh anzuzetteln, wird es einem Journalisten zu bunt: Dies sei keine Diskussionsveranstaltung, sondern eine Pressekonferenz, weist er den Parteimann neben sich zurecht. Hier stellten Journalisten den Experten Fragen. Diskutieren könne er gerne vor der Tür, hinterher.

Für einen Moment droht die Präsentation der Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zur AfD aus dem Ruder zu laufen. Erst als die Moderatorin dem Diskutanten den Rauswurf ankündigt, gibt er Ruhe. Mindestens vier AfDler waren zu der Pressekonferenz gekommen – unangemeldet, wie das DIW bestätigt. Darunter ein Vertreter der Bundesgeschäftsstelle und der Berliner Landesschatzmeister Frank Hansel. Sie wollten die wissenschaftliche Analyse zur Anhängerschaft ihrer Partei aus erster Hand bekommen – ohne Umweg über die Medien. Die Berichte könnten ja verfälschend sein oder Entscheidendes weglassen, so die Furcht.  

So angstgetrieben wie die Führungsebene ist auch die Anhängerschaft der AfD, wie die Studie belegt. Ausgewertet haben die Forscher dafür Daten des Sozio-oekonomischen Panels, in das laufend Ergebnisse aus Interviews in 16.000 deutschen Haushalten einfließen. Die Untersuchung ergab: Der AfD zugeneigte Menschen sind getrieben von der Furcht vor Benachteiligung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen, vor sozialem Abstieg und Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung.

So stieg der Anteil der AfD-Sympathisanten, die sich "große Sorgen" um die Wirtschaftslage machen, in den vergangenen zwei Jahren von zwei auf elf Prozent. Angst vor sozialem Abstieg empfinden zwölf Prozent, 2014 machte sich nur ein Prozent "große Sorgen" um die eigene finanzielle Situation. Die Zuwanderung verursacht bei zehn Prozent "große Sorgen" (2014: vier), die Kriminalität bei acht Prozent (2014: drei). Eingebettet sind diese Ängste in eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Demokratie: Mehr als ein Viertel aller AfD-Sympathisanten ist "sehr unzufrieden" mit dem in Deutschland praktizierten System der politischen Teilhabe. Hier stieg der Wert am stärksten: 2014 waren das nur fünf Prozent.

All diese Ängste finden sich zwar nicht nur bei der AfD. Was die Forscher jedoch erstaunte, war der Anstieg der Werte. Eine Erklärung der Wissenschaftler dafür ist der soziale Wandel der Anhängerschaft. So stieg der Anteil der Hauptschulabsolventen, Arbeiter, Auszubildenden und Arbeitslosen unter den AfD-Sympathisanten stark an, während der Anteil der Menschen mit Abitur oder Anstellungsverhältnis nur schwach wuchs oder stagnierte. Die Zahl der verbeamteten AfD-Sympathisanten ist seit 2014 sogar gesunken.

Mit ihren Zahlen bestätigen die Forscher des Instituts ähnliche frühere Erhebungen, etwa des Institutes Forsa, das im November 2015 die Einstellungen der AfD-Wähler untersucht hatte – also jener, die tatsächlich ihr Kreuz bei der Partei gesetzt hatten und ihr nicht nur zugeneigt sind. Der AfD-Wähler sei überwiegend ostdeutscher Herkunft, hieß es damals wie heute, niedrig oder durchschnittlich gebildet, sozial schwach und stehe politisch rechts. Vor allem den Wechsel an der Führungsspitze der Partei im Sommer 2015 sehen die DIW-Forscher als "den zentralen Wendepunkt" – damals wurde AfD-Mitgründer Bernd Lucke abgewählt und verließ die Partei.

Mit am stärksten verändert der große Zulauf junger Menschen das Profil der Partei. Der Anteil der unter 30-Jährigen, die der AfD zuneigen, stieg laut der DIW-Erhebung seit 2014 von zwei auf zehn Prozent. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich, denn junge Parteien ziehen junge Menschen an, das war bei den Grünen nach ihrer Gründung in den siebziger Jahren nicht anders. Doch diese Gruppe ist keine verlässliche Basis für die AfD – weil ihre politische Präferenz noch gering ausgeprägt ist, könnten die Stimmen dieser Anhänger bei den Wahlen der nächsten Jahre wieder bei anderen Parteien landen. Die aufsehenerregenden Wahlergebnisse der vergangenen Jahre seien aufgrund von kurzfristigen Entscheidungen ungebundener Wähler entstanden, sagt DIW-Forscher Kroh. Die hohe Popularität der Partei könnte bald wieder stark sinken, mutmaßen die Forscher.

Ihre Vermutung wird auch durch die in der Studie erkennbare Diskrepanz zwischen Parteibindung und Umfrageergebnissen gestützt: 2015 fühlten sich nur 2,6 Prozent der Befragten parteipolitisch an die AfD gebunden – empfanden also mehr als nur Sympathie. In den Wahlumfragen erreichte die Partei aber doppelt so hohe Werte. In der ersten Jahreshälfte 2016 erhöhte sich der Anteil der Parteigebundenen auf 4,9 Prozent, die Umfragewerte erreichten das Dreifache. Seit Juni aber geht es wieder bergab. Gut möglich, dass der Aufwärtstrend der AfD gebrochen ist.