Dieser Text ist die aktualisierte Fassung eines Beitrags, der am 18. August 2016 in der ZEIT im Osten erschienen ist.

Das Café Süden, unweit des Erfurter Landtags gelegen, gilt als eine Art grüne Kommandozentrale. Bei Süppchen und Salätchen kann man sich hier ein bisschen prenzlauerbergig fühlen, weshalb so manche grüne Weinrunde im "Süden" schon manche grüne Grundsatzentscheidung gefällt haben soll. Seit voriger Woche ist das Café auch ein Austragungsort grüner Krisen. Da hielt Dieter Lauinger, Thüringens Minister für Justiz und Migration, hier eine Art private Pressekonferenz ab. Das Szenario wird von Journalisten, die dabei waren, als recht bizarr geschildert.

Ausdrücklich empfing Lauinger nicht im Ministerium, ausdrücklich hatte er seine Frau mitgebracht, denn es ging um eine Familienangelegenheit. "Ich hatte mir zu Beginn dieser Amtszeit vorgenommen, niemals in irgendeiner Form Privates mit in diesen Beruf hineinzuziehen", sagte Lauinger. Doch muss er, Lauinger, sich nun mit genau dem Vorwurf herumschlagen, er habe Privates und Berufliches vermengt. Der Vorwurf: Er habe dafür gesorgt, dass sein Sohn, Schüler an einem freien Erfurter Gymnasium, in die elfte Klasse versetzt wird, ohne eine "Besondere Leistungsfeststellung" (BLF) abgelegt zu haben. Diese Prüfung ist für Thüringer Gymnasiasten nach Klasse zehn Pflicht. Es gibt gesetzliche Ausnahmen. Lauinger hat dafür gestritten, dass sein Sohn eine Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen darf. Als Vater, sagt er.

Es gibt in dieser Geschichte Fakten und Annahmen. Die Fakten: Lauingers Sohn hat einige Monate in Neuseeland verbracht. Davor ließen sich die Lauingers von der Schule versichern, dass ihr Sohn auch ohne BLF versetzt werden könne. Die Schule hatte dafür Rücksprache mit der Schulbehörde gehalten. Aber gegen Schuljahresende entschied das Kultusministerium anders: Lauingers Sohn müsse das Schuljahr wiederholen. "Ich weiß nicht, wer von Ihnen Kinder hat", sagte der Jurist Lauinger im Café Süden. "Da ist ein Junge, dem sagt man: Mach das! Geh dorthin, geh ins Ausland, sammle die Erfahrungen! Und während er weg ist, entscheidet eine übergeordnete Behörde: ätsch, bätsch!"

Damit zu den Annahmen: Vater Lauinger wandte sich, nachdem die Behörden sich umentschieden hatten, offenbar telefonisch an die zuständige Abteilung des Kultusministeriums. Ihm ist wichtig, dass er dort als fragender, sich beschwerender Vater aufgetreten sei. Er habe auch der Staatskanzlei mitgeteilt, dass er sich in der Sache – privat! – für die Rechte seines Sohnes engagiere. Im Bildungsministerium gelangte der Vorgang auf den Schreibtisch der linken Ministerin Birgit Klaubert. Klauberts Hausjuristen empfahlen ihr offenbar, Lauinger Junior nicht ohne BLF zu versetzen. Doch erstellte auch die Staatskanzlei eine Expertise für Klaubert. Diese empfahl das Gegenteil. Klaubert entschied, dass der Junior versetzt wird.

Manche Grüne fragen nun, ob Politiker sich künftig gar nicht mehr privat mit Behörden auseinandersetzen dürfen, ohne dass das skandalisiert wird. Andererseits ist Lauingers Krisen-PR, sagen wir: nicht immer ganz glücklich. Einmal zum Beispiel hat er ein entscheidendes Detail vergessen. Er hatte anfangs behauptet, nie als Minister die "Causa Sohnemann" thematisiert zu haben. Dann musste er zugeben, beim Sommerfest der Landesregierung mit Bildungsstaatssekretärin Gabi Ohler (Linke) darüber geredet zu haben. Allerdings sei dies nur Smalltalk gewesen! Und auf Initiative Ohlers zustande gekommen.

Jetzt sickert zudem ein weiteres Detail durch, das Lauingers Behauptung, er habe sich stets ausschließlich als Privatperson in der Causa Sohnemann engagiert, ins Wanken bringt. Nach Informationen von ZEIT ONLINE soll Lauinger – in mindestens einem Fall – bei einem Termin im Bildungsministerium in der Angelegenheit von einem engen Mitarbeiter seines Ministeriums für Migration und Justiz vertreten worden sein. Wie passt das zu Lauingers bisheriger Argumentation?

Lauinger äußert sich auf Anfrage nicht zu dem Vorwurf – mit der Begründung, dass das Thema am kommenden Dienstag in einer öffentlichen Ausschusssitzung des Erfurter Landtags behandelt werde. Der Pressesprecher von Lauingers Justizministerium teilt schriftlich mit, dass es der "Respekt vor dem Parlament" gebiete, am Dienstag "zunächst dessen Auskunftsrechten Genüge zu tragen", auf Presseanfragen zu diesem Fall also prinzipiell nicht mehr zu antworten. Auch das Bildungsministerium verweigert inzwischen jede Auskunft in der Sache, mit der gleichen Begründung.

Die Regierungskoalition versucht jetzt, durch einen radikalen Informationsstopp die Hoheit über das Verfahren zurückzugewinnen. Ein Fragenkatalog der ZEIT blieb im Bildungsministerium unbeantwortet. Im Justizministerium geht die Pressestelle vorsichtshalber gar nicht ans Telefon. Erst am Dienstag sollen alle Fakten auf den Tisch, danach würde man gerne einen Schlussstrich ziehen. Nur, auch das muss allen Beteiligten klar sein: Jedes weitere, bislang verschwiegene Detail dieses völlig verkorksten Vorgangs könnte für Lauinger eines zu viel gewesen sein. Viele Linke sind jetzt schon wütend, dass ihr Bildungsressort über Wochen im Fokus steht, nur weil ein Grüner von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert. Das nennt man dann Koalitionskrise.

Oppositionsführer Mike Mohring (CDU) findet so oder so: Lauingers Verhalten sei eines Justizministers unwürdig. Seine Partei fordert Lauingers Rücktritt. Die Rücktrittsforderung, muss man sagen, gehört in Thüringen, wo es politisch immer ein bisschen roher zugeht, erst mal zum Standardprogramm in jeder guten Debatte. Ausgestanden ist die Sache für Lauinger allerdings noch längst nicht.

Lauingers Sohn, der unbeteiligtste Beteiligte dieser ganzen Geschichte, darf jetzt übrigens die elfte Klasse besuchen. Er gilt als sehr guter Schüler.