ZEIT ONLINE: Herr Nouripour, wann haben Sie sich eingestanden, dass Sie Ihr Studium niemals beenden werden?

Omid Nouripour: Dass es nicht wirklich voranging, war mir schon lange klar. Ich habe an der Universität Mainz im Hauptfach Deutsche Philologie studiert und wollte gleich mit Promotion abschließen, also den Magister überspringen. Dann aber wurde ich überraschend in den hauptamtlichen Bundesvorstand der Grünen gewählt. Ich hatte damals die Illusion, ich würde abends noch eine Stunde an der Promotion arbeiten. In Wahrheit habe ich immer zwei Stunden gebraucht, um vom wahnsinnig hektischen Tagesablauf eines Berufspolitikers wieder runterzukommen. 

Als ich nach vier Jahren dann entschied, nicht wieder für den Parteivorstand zu kandidieren, zog ich 2006 übergangslos als Nachrücker in den Bundestag ein. Spätestens da war es vorbei. Aber endgültig eingestanden habe ich mir mein akademisches Scheitern, als mich ein Journalist der Bild-Zeitung 2008 anrief und damit konfrontierte, dass ich mich auf der Website des Bundestages – im Gegenteil zum offiziellen Handbuch – als Promovend bezeichnete, was ich aber schon aufgrund der veränderten Studienordnung der Universität Mainz nicht mehr hatte sein können.

ZEIT ONLINE: Und das hatten Sie nicht mitbekommen? 

Nouripour: Ich war ja faktisch schon raus aus dem universitären Leben. Aber ich bin ehrlich: Keine Ahnung, wann ich mir meine eigene Illusion genau eingestanden habe. Das war ein fließender Übergang. Auch weil ich familiären Druck verspürte. Meine Eltern haben jeweils zwei Hochschulabschlüsse, meine Schwester ist Diplom-Ingenieurin, meine Frau Sozialwissenschaftlerin. Ich musste noch lernen, dass sie auch ohne einen Uni-Abschluss stolz auf mich sein können. 

ZEIT ONLINE: Einige Bundestagsabgeordnete haben wie Sie ihr Studium nicht abgeschlossen, verbergen dies aber hinter schwammigen Formulierungen. Zum Beispiel "Studium der Volkswirtschaft von … bis …" – ohne den Hinweis, dass es nicht beendet wurde. Warum?

Nouripour: Ich empfinde den fehlenden Abschluss als eine persönliche Niederlage, wahrscheinlich tun andere das auch. Aber in der Politik kann man wenig planen, da kommen plötzlich Chancen wie ein Bundestagsmandat oder ein Spitzenjob in der Partei. Und dann heißt es: Jetzt oder nie. Gleichzeitig hat, wer in Deutschland was auf sich hält, einen Uni-Abschluss, am besten in einem als seriös geltenden Fach. Bei Politikern wird zu Recht besonders auf die Person geschaut. Die kontrollierenden Augen der Öffentlichkeit sind wichtig, aber sie verstärken vielleicht auch das Gefühl, dass wir einen besonders schönen Bildungslebenslauf haben müssen. Was natürlich nicht nur unredlich, sondern auch ein Fehlschluss ist: Im Parlament als Volksvertretung soll doch ein Querschnitt der Deutschen sitzen.

ZEIT ONLINE: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz hat sogar Abitur, Studium und Berufserfahrung erfunden. Hat Sie das überrascht, wenn Beschönigungen offenbar normal sind?

Nouripour: Insofern ja, weil ich sie aus meinen Zeiten im Haushaltsausschuss als sehr kompetente Kollegin kenne. Sie hat viel und hart gearbeitet und als Politikerin viel erreicht. Aber sie hat einen gravierenden Fehler gemacht, der nun ihre politische Karriere beendet hat. Lügen geht nicht. Aus dem aktuellen Fall können wir alle etwas lernen.

ZEIT ONLINE: Was wäre das?

Nouripour: Wir sollten den Erwartungsdruck hinterfragen, auch um andere Menschen, die keinen klassischen Bildungslebenslauf haben, zu ermutigen. Nicht umsonst kann jeder Politiker werden, es gibt keine formalen Zugangsvoraussetzungen für den Beruf. Politiker sollten auch die Sichtweisen von Menschen vertreten, die ihr Studium oder eine Lehre abgebrochen oder gar keinen Schulabschluss gemacht haben. Im Bundestag sind Arbeitslose und Selbstständige unterrepräsentiert.

ZEIT ONLINE: Klingt gut, aber wenn ich mich in einer Partei um einen aussichtsreichen Listenplatz bewerbe mit der Angabe, ich sei langzeitarbeitslos, habe außerdem drei Ausbildungen abgebrochen: Wie weit werde ich wohl kommen?

Nouripour: Das kann schwierig sein. Parteien sollten aber eigentlich wissen, dass sie nicht zum langweiligen Funktionärsapparat verkommen dürfen. Es gibt immer Chancen, sich zu profilieren, über Themen, über Persönlichkeit, über Engagement. Am Ende des Tages entscheidet der Wähler. Und ich bezweifle, dass er ausschließlich auf den formalen Teil des Lebenslaufs schaut. Joschka Fischer, als Außenminister der beliebteste Politiker des Landes, hatte als einziges formales Dokument einen Taxischein. Karl-Theodor zu Guttenberg ist bis heute charismatisch und eloquent, auch ohne einen Doktortitel.