Die deutschen Grenzen wieder undurchlässiger machen und mehr Menschen abweisen, bevor sie überhaupt das Land betreten – das gehört seit Monaten zu den zentralen Forderungen all jener, die in der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung vor allem einen Kontrollverlust sehen. Nun ist bekannt geworden, dass im ersten Halbjahr 2016 deutlich mehr Menschen an der deutschen Grenze abgewiesen wurden als bisher. 13.324 "Zurückweisungen" gab es in den ersten sechs Monaten an den Landes-, See- und Luftgrenzen. Dabei handelt es sich um Fälle, bei denen es gar nicht erst zum Asylantrag gekommen ist. Es sind also formal keine Abschiebungen, denn diese werden nur bei abgelehnten Asylbewerbern angewendet.

Die Zahl ist schon jetzt deutlich größer als die 8.913 Fälle im gesamten Jahr 2015, wie aus einer Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, die ZEIT ONLINE vorliegt. Unter den 2016 Abgewiesenen waren 2.515 Afghanen, 1.317 Syrer, 1.113 Iraker und 968 Iraner. Was hat es mit diesen Zurückweisungen auf sich? Die wichtigsten Antworten

Warum dürfen Menschen an der Grenze abgewiesen werden?

Der Schengener Grenzkodex legt fest, dass die Polizei Einreisewillige abweisen kann, wenn diese keine gültigen Papiere (also Pass oder Visum) vorweisen können oder diese Papiere gefälscht sind. Das ist bei fast allen Geflüchteten der Fall. Auch Personen, die eine "Gefahr für die öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit, die öffentliche Gesundheit oder die internationalen Beziehungen" darstellen, dürfen nicht ins Land.

Was müssen Geflüchtete tun, um trotzdem nach Deutschland zu dürfen?

Sie müssen bei der Einreise in Deutschland deutlich machen, hier Asyl beantragen zu wollen. Dabei muss nicht unbedingt das Wort "Asyl" fallen. Laut Nicole Bellinghausen, Sprecherin der Bundespolizei, ist es ausreichend, wenn im Rahmen der Befragung um Schutz vor politischer Verfolgung in Deutschland ersucht wird. Dann muss die Polizei den Fall an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiterleiten.

Wie laufen die Kontrolle und die Kommunikation an den Grenzen ab?

In der Praxis greifen Bundespolizisten die Einreisewilligen im Zug oder auf der Straße im Grenzgebiet auf und fragen sie nach Ausweispapieren. "Besteht daraufhin der Verdacht einer unerlaubten Einreise, werden sie zur nächsten Bearbeitungsmöglichkeit gebracht", berichtet Matthias Knott, Sprecher der Bundespolizei in der Direktion München. Das können Stellen der Bundespolizei sein; darüber hinaus gibt es seit vergangenem Herbst auch zentrale Aufnahmestellen, drei davon in Bayern. Diese sind räumlich direkt an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angegliedert und für größere Gruppen ausgestattet. An diesen Stellen registriert die Bundespolizei die Einreisenden mit Fingerabdrücken und Fotos und fragt sie mithilfe eines Dolmetschers nach ihrem Einreisegrund.

Wer wird zurückgewiesen?

Jene, die in der Vernehmung durch die Polizei nicht sagen, dass sie in Deutschland Schutz suchen, oder die schon nachweislich in einem anderen Land Asyl beantragt haben. Diesen Personen kann die Bundespolizei die Einreise verweigern. Nach Aussage des Bundespolizei-Sprechers Knott dauert das gesamte Verfahren, vom Aufgreifen der Ausländer bis zu ihrer Abweisung, in der Regel nur wenige Stunden.

Was passiert mit den Zurückgewiesenen?

Sie werden in Busse gesetzt und nach Österreich gefahren, wo sie die dortige Polizei übernimmt. Wie es dann für sie weitergeht, sei von Fall zu Fall unterschiedlich, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des österreichischen Innenministeriums. Wenn der Zurückgewiesene auch in Österreich keinen Asylantrag stellt und sich auch sonst nicht legal in Österreich aufhalten darf, muss er auch dieses Land verlassen. Die Maßnahmen reichen dann laut Grundböck von einer Aufforderung zur Ausreise bis hin zur Abschiebung in einen sicheren Drittstaat oder das Herkunftsland. Dass es einige der Zurückgewiesenen noch mal an der deutschen Grenze versuchen, sei nicht auszuschließen, sagt Grundböck.