Ein Wahlsieger, der vor Schwäche kaum feiern kann, ein Neuling, der die politische Landkarte neu formatiert, und ein Koalitionsmodell, das bis dato die Wähler verschreckte und von nun an als realistische Option für den Bund gilt: Das sind die Haupterkenntnisse der Abgeordnetenhauswahl zu Berlin. Abgesehen davon natürlich, dass Angela Merkel, die am Samstag noch die CDU zur nach allen Seiten hin anschlussfähigen Partei des Hyperpragmatismus erklärt hat, nach der nächsten Bundestagswahl ohne Partner dastehen könnte. Wenn sie diese, angesichts des schlechtesten Berliner CDU-Ergebnisses aller Zeiten, politisch überhaupt noch erlebt. Doch der Reihe nach.

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Als Michael Müller, der Blasse, vor 21 Monaten die Nachfolge von Klaus Wowereit, dem Schillernden, antrat, erreichte er in kürzester Zeit Popularitätswerte, von denen sein Vorgänger immer nur träumen durfte. Nun führte der Blasse die SPD am Sonntagabend zurück zu ihren miesen Ergebnissen Mitte und Ende der 1990er Jahre. Müllers Desastersieg zeigt zwei Dinge: Folgt ein als solider Problemwegschaffer gepriesener politischer Handwerker einem charismatischen Selbstvermarkter, wirkt er nur so lange als Befreiung, wie er Probleme wegschafft. Müller und seinem Kabinett ist das in der Flüchtlingspolitik – Stichwort: Lageso-Chaos – auf solch grandiose Art misslungen, wie man es dem Showman Wowereit kaum zugetraut hätte. Müller wird zwar wohl Regierender Bürgermeister bleiben. Aber seine Autorität ist mit dem Wahlsonntag schon verpufft.

Müllers Ansehensverlust weist noch auf etwas anderes hin: Die politischen Verhältnisse wandeln sich in Rekordzeit. Was gestern noch als Gewissheit galt – Müller ist beliebt, die Kanzlerin ist unschlagbar, Protestparteien scheitern an ihren inneren Widersprüchen und den politisch Halbirren, die sie anziehen –, erscheint heute fast schon absurd. Dass Milieus sich auflösen, dass die Zahl der Stammwähler kontinuierlich sinkt, dass die Leute immer weniger nach tradierten Bindungen und ihrem sozialen Status ihr Kreuzchen machen und sich stärker anhand von aktuellen Lagen oder auch nur aus ihren momentanen Befindlichkeiten heraus entscheiden, ist längst bekannt. Doch die Flüchtlingskrise hat diesen Trend in einer Weise dynamisiert, dass sich die Grundkoordinaten der Politik von stabil zu volatil verschieben. Das Signal von Berlin lautet also: So viel Ungewissheit war nie.

Berlin-Wahl - SPD stärkste Kraft, CDU schwach Nach ersten Prognosen bleibt der Regierende Bürgermeister Michael Müller im Amt. Gedämpft wird die Partystimmung vom Erfolg der AfD. © Foto: Carsten Koall/Getty Images

Seinen spektakulärsten Niederschlag findet dieser Trend in der Wiederentdeckung einer Farbkonstellation, die fast schon vergessen schien: Rot-Rot-Grün.

SPD braucht rot-rot-grüne Option

Rot-Rot-Grün schimmerte bisher lediglich das politische Leichentuch, unter dem die Linken dreier Parteien immer wieder aufs Neue ihre Träume begraben durften. Jetzt leuchtet so die Zukunft. Dass in Berlin, der Stadt der Lebens- und sonstigen Künstler, dem Zentrum der "Irgendwas mit Medien"-Macher, künftig wohl ein Bündnis aus Sozialdemokraten, Grünen und Linken regieren wird, mag man noch als ortsübliche Skurrilität abhaken. Dass es aber von nun an als mögliches Modell einer künftigen Bundesregierung verstanden werden kann, überrascht dann doch.

Aber nur auf den ersten Blick.

Die SPD ist darauf angewiesen, im Bundestagswahlkampf 2017 eine realistische Machtoption zu präsentieren. Ein mantrahaft vorgetragenes "Rot-Grün", meilenweit fernab von jeder Chance, realisiert zu werden, hat sie sich schon zweimal geleistet. Ein drittes Mal wird sie sich das kaum leisten können. Begnügt sie sich mit dem Ziel, erneut als Juniorpartner in einer großen Koalition zu dienen, demotiviert sie Mitglieder wie Wähler in einem Maße, das eins garantiert: ein neues historisches Tief.

Das haben nun auch all jene Steinmeiers, Oppermanns und Seeheimer Kreisler verstanden, für die Rot-Rot-Grün bislang lediglich dazu geeignet schien, die Mitte-Wähler in Angela Merkels Arme zu treiben. Dass sie es nun anders sehen, hängt auch an der AfD. Da die nun das neue Schmuddelkind ist, über das sich alle aufregen, kann man mit dem alten unbehelligter spielen. Die Linke gehört nun zu den Etablierten.